Die mahnenden Worte des Kanzlers

Christian Kern kritisiert auf dem European Newspaper Congress, dass Politik und Medien eine Spirale des Populismus bedienen

BEOBACHTUNG: BENEDIKT NARODOSLAWSKY | Medien | aus FALTER 21/17 vom 24.05.2017

Im April überraschte Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) fremde Menschen als Pizzabote und ließ sich dabei von einem Filmteam begleiten. Am Montag, einen Monat später, hielt der Kanzler schließlich die Eröffnungsrede beim European Newspaper Congress im Wiener Rathaus. Sein Thema: "Im selben Boot? - Politik und Medien im Zeitalter von Fake News und Populismus".

"Ich habe gelernt, dass zu viel Differenzierung seine Schattenseiten hat", bedauerte Kern vor Verlegern, Zeitungsmachern und Journalisten, "Schwarz-Weiß bestimmt die politische Diskussion." Die Medien würden konkrete Sachpolitik weitgehend ignorieren, stattdessen würden sie lieber die politische Pointe suchen. "Politik und Medien bedienen in Tateinheit eine Spirale des Populismus", kritisierte Kern, Politik bestehe heute zu 95 Prozent aus Inszenierung.

Aber was meinte der Kanzler damit? Jedenfalls nicht das Pizza-Video, "denn dass das keine Realpolitik ist, ist ja dem simpelsten Gemüt klar". Kern brachte ein anderes Beispiel. Nämlich jenes eines ungenannten Politikers, der in der Flüchtlingsfrage eine Schließung der Mittelmeerroute forderte und sich mit grimmigem Blick aufs Meer fotografieren ließ.

Für die simpelsten Gemüter: Gemeint ist ÖVP-Kontrahent Sebastian Kurz. Dabei müsste das Problem auf EU-Ebene gelöst werden, erklärte Kern. Er setze sich in Brüssel mit anderen für eine Lösung ein, aber es werde kaum darüber berichtet.

Wäre der Kanzler ein uneigennütziger Politikaussteiger, müsste man seine Kritik sehr ernst nehmen. In Zeiten einer Implosion der großen Koalition bleiben hingegen zwei Fragen: Ist das alles ernst gemeint? Oder ist es schon Wahlkampf?


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