Unter dem roten Baum

Ein winziges Bangladeshi-Lokal mit vielen Erklärungen für seinen Namen


Lokalkritik: Florian Holzer
Stadtleben | aus FALTER 22/17 vom 31.05.2017


Foto: Heribert Corn

Wer sich bei Mahmud Howlader bedankt, dass es nun endlich auch Bangla-Küche zu essen gibt, bekommt als Antwort: „Es gibt eh viele Restaurants. In London.“ Er hat recht, bei uns kommt die Küche Bangladeschs maximal am Rande großer indischer Speisekarten vor, insofern kann man dem kleinen Lokal namens Grüner Schatten durchwegs ein Alleinstellungsmerkmal attestieren. Und das nicht nur wegen der Bangla-Küche.

Die Lustkandlgasse besitzt in diesem Bereich eine gewissermaßen sozialfürsorgliche Aura, Volkshochschule, Canisiuskirche, Akademikerhilfe, gleich ums Eck das ehemalige Karolinen-Kinderspital, und auch der Grüne Schatten wirkt auf den ersten Blick ein bisschen wie die Kantine einer Kinderspielgruppe: stabiles Mobiliar, leicht zu reinigender Boden, marginale Dekoration, nur ein buntes Kinderzelt, ein Regal mit ein paar Gummitieren und eine Landkarte von Bangladesch, provisorisch an die Wand gepinnt. Keine bunten Tiere, keine Tiger, keine Sitarmusik.

Einen gewissen Hang zur Schlichtheit hatte ja auch schon das Café Das Möbel in der Burggasse, in dem Mahmud Howlader eine Zeit lang kochte, und dessen künstlerische Leitung Margareta Schießwohl erledigte. Und weil Mahmud auch in ihrer WG für die Küche zuständig sei und das immer so wahnsinnig gut schmecke, erzählt Schießwohl, war die Idee eines eigenen Lokals irgendwann unvermeidlich.

Zum Glück, denn was die beiden da kochen, ist nicht nur wahnsinnig gut, es hat – so pathetisch das jetzt klingen mag – auch Seele. Die beiden entschieden sich gegen ein ursprüngliches „Pay as you wish“-Modell und für eine wahnsinnig günstige Kalkulation, kochen frisch und mit Begeisterung, verzichten auf Zusatzstoffe und halten ihre Gerichte – den Kindern zuliebe – auf der sehr milden Seite. Ein Schälchen Okra-Gemüse mit Sonnenblumenkernen, gemüsig, toller Geschmack (€ 2,–), herrliche Melanzani mit Zwiebeln, köstlich (€ 2,–), das Erdäpfel-Gemüse-Laibchen Patakopy für sich allein vielleicht ein bisserl fad, mit dem Gemüse aber toll (€ 2,–), vor allem mit dem großartigen Brennesselspinat mit Radieschen (€ 2,–). Rindfleischragout nach bengalischer Art, mürb und saftig, dichtes Aroma, toll (€ 3,–), Fleischbällchen in Limetten-Kokos-Sauce, flaumig, fantastisch (€ 3,–).

Und weil das Bittergurkengemüse gerade aus war, machte Mahmud schnell noch neues, knofelig, wirklich bitter, wirklich gut (€ 2,–). Der Name „Grüner Schatten“ bezieht sich übrigens auf die entspannte Stimmung, die sich bei den Bangladeschern mittags im Schatten unter dicht belaubten Bäumen einstellt; und steht für Toleranz und Gemeinsamkeit; und dafür, dass die Farben der bangladeschischen Flagge Rot und Grün sind, zwei Komplementärfarben; und dass genau vor dem Lokal der einzige Baum der Gasse mit roten Blättern steht, der damit einen grünen Schatten wirft …

Resümee:

Wunderbare, kleine Gerichte einer wunderbaren Küche, gekocht von wunderbar sympathischen Menschen, extrem günstig verkauft.

Grüner Schatten, 9., Lustkandlg. 48, Tel. 0677/61 83 26 28, Mo–Fr 11.30–15, 16.30–21, So 12–21 Uhr, www.gruenerschatten.at


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