Neue Bücher Kühne und schräge Literatur

Feuilleton | aus FALTER 22/17 vom 31.05.2017

Wem dieser Tage der warme Schein der Sonne allzu heiter auf den Kopf strahlt und das Feierabendbier plötzlich schal schmeckt, wer einen wachsenden Unmut verspürt gegen die vielen brav und ordentlich erzählten Schönwetterromane -der wird von Jakob Noltes neuem Werk begeistert sein. "Schreckliche Gewalten" ist ein herrlich durchtriebenes Manifest des gelebten, geliebten und erlittenen Nihilismus, das in Sachen Zynismus und trockener Wortkomik neue Maßstäbe setzt.

Hier führt ein Jungautor endlich einmal selbstbewusst zusammen, was nicht zusammengehört. Er kommt vom Hundertsten ins Tausendste, zeigt dem Leser und sich selbst eine lange Nase, ergeht sich aus purer Lust am Faktum in pedantischen wissenschaftlichen Betrachtungen und abwegigen historischen Exkursen. In seiner himmelschreienden Zusammenhanglosigkeit ist das jedoch auf keiner Seite langweilig, sondern zuweilen sogar urkomisch. ALBERT EIBL

Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten. Matthes &Seitz, 340 S., € 22,70

"Meine Intention lautet, Ihre Sprachzentren zu bombardieren wie die Mauern von Jericho", kündigt Raphaela Edelbauer in der Gebrauchsanweisung für ihr Buch an und legt mit aberwitziger Poetik ein markantes Debüt hin. Vordergründig stellt sich die Wienerin (Jg. 1990) in die hiesige Tradition der Sprachkritik, um diese sogleich auf den Kopf zu stellen. Ein Jahrhundert nach Hofmannsthals "Chandos-Brief" zerfällt nicht die Sprache, sondern gleich die Welt. Schon das Verdauen eines Buttersemmerls wird automatisch zum poetischen Akt (bei Artmann hatte es dazu noch des Willens bedurft).

Edelbauer gelingt eine so schräge wie kühne Verbindung von Naturkunde, Sprachwissenschaft und Literatur, die inhaltlich avantgardistisch und stilistisch klar ist. Die nachgerade philosophischen Zeichnungen Simon Goritschnigs illustrieren nicht bloß, sie stehen auf einer Ebene mit den schönen Anmaßungen des Textes. DOMINIKA MEINDL

Raphaela Edelbauer: Entdecker. Eine Poetik. Zeichnungen v. Simon Goritschnig. Klever, 176 S., € 22,-


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