Film Tipp

Der Augenspieler: Jean-Louis Trintignant in Wien

GERHARD MIDDING | Lexikon | aus FALTER 22/17 vom 31.05.2017

Er wirkt schmächtig, sein Kopf scheint zu groß für die schmalen Schultern, auf denen er ruht. Die Augen sind sein zuverlässigstes Instrument, um zu verführen. Sein Blick ergründet ein Gegenüber aufmerksam und beharrlich; nie ist ganz eindeutig, ob Liebe oder Skepsis darin liegt.

Einer wie er scheint dazu verdammt, im Leben nur Zuschauer, im schlimmsten Fall ein Voyeur zu sein. Auf der Leinwand kann Jean-Louis Trintignant sich der eigenen Virilität nie vollends sicher sein, macht aber in den 1960ern Schlagzeilen als Playboy, Pokerspieler und Rennfahrer. Mithin ist es ein Fehler, seine Figuren zu unterschätzen. Seine entrückte Leinwandpräsenz täuscht über große Ressourcen hinweg. Er ist zu Manipulation und entschlossener Tatkraft fähig. In Bernardo Bertoluccis Moravia-Verfilmung "Der große Irrtum" ("Il conformista") legt er die Abgründe eines faschistoiden Charakters frei.

Sein Lächeln ist flüchtig, ruht in der Erkenntnis der Vergänglichkeit. Denn Trintignants erstaunliche Schaffenskraft -er hat in über 140 Kinound Fernsehfilmen gespielt und zweimal Regie geführt -ist tiefer Schwermut abgetrotzt. "Ich wurde schon verzweifelt geboren", sagte er einmal. Vom Kino nimmt er seit Jahrzehnten langsam Abschied, brilliert nur noch sporadisch in Rollen, die ihn mit dem Tod konfrontieren. So feiert er in Michael Hanekes "Liebe" ("Amour") 2012 nicht nur ein großes Comeback, sondern eine bewegende Wiedergeburt: Es ist eine Glückserforschung im Angesicht der Hinfälligkeit. Für den Regisseur, der seit jeher von Trintignants Unergründlichkeit und lebenserfahrenen Schönheit fasziniert ist, erfüllt sich damit ein Traum: eine spannungsvolle Zusammenarbeit, die gerade in "Happy End" ihre Fortsetzung findet.

Am Fr ist Trintignant an der Filmakademie zu Gast, am Sa stellt er im Österreichischen Filmmuseum "Der große Irrtum"(18.30) und "Liebe"(21.00) vor


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