Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Briefbomben

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Falter & Meinung, FALTER 22/17 vom 31.05.2017

Es war schon merkwürdig: "Die Falter-Redaktion hat in dieser Ausgabe ein acht Seiten umfassendes Dossier zur Briefbombenaffäre zusammengestellt, das neue Fakten bringt, Verdachtsmomente zusammenfasst und helfen soll, Licht in das 'Verwirrspiel' zu bringen, an dem offenbar Behörden, Medien und Verdächtige mit gleicher Lust teilnehmen. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir aus Sicherheitsgründen in diesem Dossier keine Namen von Autoren nennen" - so klang die Rubrik "Liebe Leserin, Lieber Leser" in Ausgabe 22/1997. Die Zurückhaltung erfolgte nicht ohne Grund.

In der seit drei Jahren Österreich in Bann haltenden Serie von Briefbomben und Bomben waren vier Todesopfer und 13 Verletzte zu beklagen, die Toten waren vier Roma aus Oberwart, unter den verletzten Prominenten befand sich Wiens Bürgermeister Helmut Zilk, dem eine Hand zerfetzt wurde.

Auch in der Falter-Redaktion entstand immer wieder Unruhe, wenn ein verdächtiges Paket auftauchte; die Zurückhaltung war also ebenso berechtigt wie sinnlos, denn die Falter-Adresse war bekannt. Das Dossier hatte einen Anlass: Ein Verdächtiger sollte verhaftet werden, weil ihm nachgewiesen worden war, dass er zwei Bekennerschreiben verfasst hatte; wie sich herausstellte, offenbar als Trittbrettfahrer. Die Polizei hatte schon die Verhaftung samt Erfolgsmeldungen vorbereitet. Zwei Informanten des Innenministeriums erklärten zwei Zeitungen, der Briefbomber sei gefasst. Leider wurde nichts daraus. Der Innenminister Karl Schlögl musste schließlich bekennen, er sei froh, "dass wir die Hausdurchsuchung machen konnten, weil das für unsere Untersuchungen weitere Anhaltspunkte bringen wird". Am Ende musste, wie wir wissen, wieder einmal Kommissar Zufall ran.

Bei der Brisanz dieses Themas geriet anderes notwendigerweise in den Hintergrund. Zum Beispiel ein Essay der Philosophin Seyla Benhabib, die geradezu prophetische Worte fand: "Die Öffentlichkeit ist wie die Pupille im Auge der politischen Gemeinschaft: Wenn ihre Sicht getrübt ist, dann ist der Orientierungssinn des Gemeinwesens ebenfalls beeinträchtigt."

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FALTER 21/19
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