Film Neu im Kino

Großes Engagement und großes Ego: "Jean Ziegler"


SABINA ZEITHAMMER
Lexikon | aus FALTER 22/17 vom 31.05.2017

Eine kurze Erzählung skizziert die Herkunft Jean Zieglers zu Beginn wie das Leben einer Spielfilmfigur, die eingeführt wird. "Er verweigert das Glück, das ihn erstickt", heißt es da über den Sohn aus wohlhabendem Haus, der sich zu einem der bedeutendsten Globalisierungskritiker entwickeln sollte.

Nicolas Wadimoff schuf mit seinem Dokumentarfilm "Jean Ziegler -Der Optimismus des Willens" jedoch keine detaillierte Biografie des 83-jährigen Schweizer Soziologen, Politikers, Autors und Freunds Che Guevaras, sondern porträtiert seinen Protagonisten in der Gegenwart. Er begleitet ihn in sein Arbeitszimmer und auf das Rednerpult von G7-Gipfel-Protesten und reist mit ihm nach Kuba. Wie ein roter Faden ziehen sich zudem Einblicke in Zieglers Arbeit als UN-Berater durch den Film.

Als Doku nicht vor allem über, sondern mit Ziegler verzichtet Wadimoff auf Talking Heads: Wenn Ziegler sich nicht mit anderen unterhält, spricht nur Ziegler. Dies schließt auch ein Interview mit seiner Ehefrau Erica aus. Häufig an seiner Seite, schweigt sie meist geheimnisvoll lächelnd -und schenkt ihm ab und zu ordentlich ein. Die Kubaner sprächen mit den Toten, schwärmt Ziegler etwa, "sie haben keine Angst vor dem Sterben, so wie wir"."Besonders du", gibt seine Gattin zurück.

Dieser Taktik der stillen Anwesenheit mit "Überraschungsangriffen" bedient sich auch der Film selbst. Hat man anfangs den Eindruck, dass er dem umstrittenen Intellektuellen nur eine Bühne bietet, pirscht sich Wadimoff in der Folge mit ungemütlichen Fragen an und sammelt intime Beobachtungen eines unermüdlich Kämpfenden, eines Dogmatikers und romantisch Verklärenden. Mit "kritischer Empathie" entsteht das vielschichtige Bild eines Mannes der gewichtigen Worte und Widersprüche.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Gartenbau)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige