Ohren auf Jazz- & Folksängerinnen

Man muss die Briten um Vogerln ned lang bitten


KLAUS NÜCHTERN
Feuilleton | aus FALTER 23/17 vom 07.06.2017

Wenn June Tabor die ersten Zeilen von "You Don' t Know What Love Is" ("until you' ve learned the meaning of the blues") intoniert, atmet jede Silbe Wahrhaftigkeit. 2013 hat sich Tabor mit ihren Landsleuten Ian Ballamy (ss, ts) und Huw Warren (p) zum Trio Quercus zusammengetan und führt nun auf "Nightfall" (ECM) ihr Projekt fort. Wenn sie mit ihrem dunklen, warmen und doch stets glasklar artikulierenden Alt eine historische Folkballade über den Unglücksvogel Kuckuck, Leonard Bernsteins nackenhaarsträubendes "Somewhere" oder Dylans "Don't Think Twice It's Alright" interpretiert, tut sie das schnörkellos, sodass diese persönliche Aneignung zugleich als zeitloses Allgemeingut erstrahlt -Menschheitsmusik.

Überhaupt, die Britinnen! Die Schwestern Rachael und Becky Unthank, die sich seit Jahren um die Northumbrifizierung der Musikwelt verdient machen, zählen mit ihrem zugleich traditionsgesättigten und ganz zeitgenössischen Chamber-Folk ebenfalls zu den ergreifendsten Stimmen des Globus. Das vierte Album ihrer "Diversions"-Serie widmen sie den "Songs and Poems of Molly Drake" (Rabble Rouser Music), der Mutter des berühmten englischen Singer/Songwriters Nick Drake (1948-1974). Besangen The Unthanks auf "Mount the Air" die Elster, wird hier der "Little Weaverbird" in einem suggestiv-schwungvollen und überraschend dramatischen Song gewürdigt. Den Vogel aber schießt das schlichte "The Road to the Stars" ab -zum Heulen schön!

Untadelig auch die Coverversionen, die sich die südkoreanische Jazzsängerin Youn Sun Nah für ihr Album "She Moves On" (Act) ausgesucht hat: Begleitet von sehr uneitel agierenden Protagonisten der US-Avantgarde wie Marc Robot (g) und Jamie Saft (org, keyb), gelingt ihr der Spagat zwischen Paul Simon, Joni Mitchell, Jimi Hendrix und Lou Reed abwechslungsreich, souverän und vollkommen unpeinlich.


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