"Es gibt kein Anrecht auf ein kränkungsfreies Leben"

Der Psychoanalytiker Rainer Gross über die Schattenseiten des Opferdiskurses und der Identitätspolitik


GESPRÄCH: KLAUS NÜCHTERN
Feuilleton | aus FALTER 23/17 vom 07.06.2017


Foto: Heribert Corn

Jeder kennt Menschen, die sich stets ins Unrecht gesetzt und unfair behandelt fühlen: der ekelhafte Chef, die hinterfotzige Kollegin, der unsensible Lebensgefährte, die egoistischen Geschwister, die lieblosen Eltern – alle haben sie sich verschworen und verweigern ihm oder ihr die verdiente Wertschätzung. Die Grenze zwischen berechtigter Empörung und selbstgerechter Larmoyanz mag fließend sein, insgesamt aber kann man sagen, dass die Virtuosen der permanenten Beschwerdeführung nerven wie die Hölle.

Auf der persönlichen Ebene ist das, solange sich die Gekränkten nicht in Attentäter verwandeln, ein vergleichsweise leicht zu lösendes Problem: Man hat dann leider gerade sehr viel zu tun und keine Zeit für Gespräche mit zu viel Rotwein. Gesamtgesellschaftlich betrachtet kann sich der Anspruch auf ein kränkungsfreies Dasein aber fatal auswirken, weil er Populisten und Fundamentalisten die Chance eröffnet, Ressentiments zum Hebel ihrer Politik zu machen.

Das folgende Gespräch fand in der Praxis des Psychoanalytikers Rainer Gross auf der Wieden statt. Neben der obligaten Couch gibt es dort auch einen Bibliothek, und mitunter zieht Gross ein Buch heraus, um ein Zitat nachzuschlagen. Auch der Falter-Journalist hat etwas zum Thema mitgebracht: einen kleinen Text von Robert Musil.

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