Film Neu im Kino

Ein Hoch auf Individualität und Kampfgeist: Aquarius


SABINA ZEITHAMMER
Lexikon | aus FALTER 23/17 vom 07.06.2017

The New Aquarius" werde der Neubau heißen, erklärt Diego mit dem herzlichsten Lächeln, das er aufbringen kann. Der Spross einer Immobilienfirma hat Clara aufgesucht, um ihre Wohnung im "Aquarius", einem charmanten 1940er-Jahre-Haus im brasilianischen Recife, zu erwerben. Doch die wohlhabende 65-Jährige -mittlerweile einzige Bewohnerin des Gebäudes -hat keinerlei Interesse, für das geplante Hochhausprojekt zu weichen, und gibt das Kampflächeln unbeeindruckt zurück. Mit welchem Nachdruck im Folgenden ein Umschlag mit dem Kaufangebot unter der Tür hin und her geschoben wird, ist erst der Anfang eines langen Kampfes, der in Drohungen und Psychoterror mündet.

Der aus Recife stammende Regisseur und Drehbuchautor Kleber Mendonça Filho erzählt in "Aquarius" jedoch weit mehr als diese David-gegen-Goliath-Geschichte, die nebenbei die Vetternwirtschaft in Brasilien in Augenschein nimmt. Beginnend mit einem hinreißend komponierten Rückblick in die 1980er-Jahre beleuchtet er Claras vielfältigen Alltag. Seit einer überstandenen Krebserkrankung als junge Frau folgt die ehemalige Musikkritikerin und verwitwete Mutter dreier Kinder dem Prinzip, das Leben auszukosten.

Mendonça Filho zeichnet seine eigensinnige, nicht immer sympathische Heldin so kantig und spannend, wie er den Film selbst aufbaut: Clara (eine große Rolle für Sonia Braga) ist mädchenhafte Dame, gesellige Einzelgängerin, selbstbewusste Sehnsüchtige und verletzliche Kämpferin, "Aquarius" das Porträt einer Individualistin und Familiendrama mit politischen, sozialkritischen und symbolhaften Elementen, das immer wieder mit der Stimmung einer starken Bedrohung spielt. Eine beglückende Mischung, die trotz zweieinhalb Stunden Laufzeit keine Minute zu lang ist.

Ab Fr im Gartenbaukino (OmU)


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