Alles falsch auf Wienerisch

Arman T. Riahis pfiffige Wohlfühlsatire ''Die Migrantigen" eröffnet heuer das Kino am Dach - und der Schmäh, der rennt ja eh

David Auer | Kino am Dach | aus FALTER 23/17 vom 07.06.2017

Der Titel von Arman T. Riahis Spielfilmdebut führt in die Irre: Migranten sind die beiden Protagonisten dieses Films nämlich nicht, sondern bloß Söhne von welchen. Was man gemeinhin typisch wienerisch nennt, also grantig, sind sie ebenso wenig, obwohl sie allen Grund dazu hätten.

Wieso? Schauspieler Benny bekommt ausschließlich Rollen angeboten, die seinem Aussehen entsprechen sollen, zum Beispiel Taxifahrer mit starkem Akzent und gebrochenem Deutsch (dabei eifert er doch lieber Al Pacino nach). Einem karriereentscheidenden Auftraggeber sind wiederum die Sujets von Freund und Werbegrafiker Marko nicht "tschuschenhaft" genug, wie der es ausdrückt.

Um aufgrund von akutem Auftragsund Geldmangel nicht mehr im Hotel Mama beziehungsweise bald samt hochschwangerer Frau auf der Straße leben zu müssen, geben sie sich für eine Fernsehdokuserie, die das ungeschminkte Leben im fiktiven Wiener Problemgrätzel Am Rudolfsgrund einfangen will, als Quotenmigranten aus. Was das genau bedeuten soll, müssen sie erst rausfinden. So machen sich die beiden auf Spurensuche und geraten an einen, von dem sie glauben, er könne sie darin schulen, ein "richtiger" Migrant zu sein.

Was folgt, erinnert ein wenig an die rezente US-Komödie "Get Hard", die weiße Blackness-Projektionen und Übererfüllung von -Stereotypen in einen Coachingplot rahmt. Habitus und Sprechweise, von denen die beiden TV-Stars in spe annehmen, sie seien authentisch, werden eingeübt und vor der Kamera ausgetestet, bis sich die Situation zuspitzt.

Die Pointe: Migrantwerden ist auch nur ein Werden, besonders eines durch mediale Bilder. Präziser und treffender als die Mediensatire, die allein die Fixierung auf die Quote attackiert, gelingt die zynische Zeichnung des kreativwirtschaftelnden Bobo-Milieus mit Ethnofetisch und Authentizitätsfimmel.

Der Schmäh rennt also eh, auch wenn ihm im letzten Drittel die Luft ausgeht: Das, was eher bös gemeint als wirklich bissig ist, löst sich am Schluss gleich ganz in Wohlgefallen auf. Das versöhnungssüchtige Ende orientiert sich gar zu sehr am französischen Wohlfühlkino der letzten Jahre und macht die Message der "Migrantigen" noch eindeutiger, als sie ohnehin schon ist: Keine Sorge, alles nur fake! Und alle haben sich lieb! So wird jeder Abgrund planiert, der Satire ausmacht.

Einzig die allerletzte Szene kann noch als subtile Rettung des Films und finaler Seitenhieb auf die vornehmlich liberale Zuschauerschaft verstanden werden. Wie die Fernsehdokumacherin im Film weiß nämlich auch Riahi, wie er bei seiner Zielgruppe punkten kann. Der Max-Ophülsund ein weiterer Publikumspreis aus Nashville zeugen davon sowie vielleicht vom Kalkül des Regisseurs. Sollte also auch das Ende ein schlauer Fake sein: Chapeau! Wenn nicht, werd ich grantig.


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