Tiere

Meine Fresse!


Peter Iwaniewicz
Falters Zoo | aus FALTER 23/17 vom 07.06.2017


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Nach all den gesichtslosen Unwettern, antlitzzentrierten Listengründungen und sichtbehindernden Hochhausturmbauabstimmungssiegen gibt es auch eine antagonistische Schlagzeile: „Fisch ohne Gesicht entdeckt!“. Der jetzt entdeckte Tiefseefisch gehört vermutlich zur Art Typhlonus nasus und ist sehr weitläufig mit dem Barsch verwandt. Interessant, wie aufgeregt und sensationell quasi alle Medien darüber berichteten, als ob der Besitz eines Gesichts nicht nur Menschenrecht, sondern auch erste Pflicht jedes anderen Lebewesens wäre.

Es mag ja naseweis wirken, aber genau besehen verwendet man den Begriff „Gesicht“ nur bei Primaten und bei diesen wiederum nur für den vorderen Teil des Kopfs. Die Stirn wird anatomisch bereits zum Schädel des Kopfes gezählt, darf aber wegen ihrer besonderen Bedeutung für die menschliche Mimik noch beim Gesicht mitmachen. Die beiden Ohren gehören definitiv nicht mehr dazu. Man kann sich zwar auch mit Händen und Füßen verständlich machen, aber nie mit diesen ausdrucksschwachen Kopfanhängseln. Auch hat sich noch nie ein Verdächtiger durch seine Ohrenbewegungen beim Verhör verraten.

Jemandem Gesichtslosigkeit zu unterstellen ist schon eine schwerwiegende Verunglimpfung. Doch der Leiter der australischen Forschungsexpediton Tim O’Hara, schaffte es, noch eins drauf zu legen: „Er sieht wie zwei Hinterteile eines Fisches aus.“ Ja, das hat Beschimpfungspotenzial.

Menschen sind offenbar sehr gesichtsfixiert, weil dies eine Voraussetzung für die komplexen soziokognitiven Kommunikationsmöglichkeiten ihrer Art ist. Als ich einmal einen Sommer lang nur die Schönheiten von Insekten in den Kolumnen lobte, wurde mir leise, aber bestimmt, auf den dunklen Gängen des Falter zugeraunt, ich möge doch bitteschön mehr Texte über „Tiere mit Gesicht“ schreiben.

Dieser Hang zum Gesichtszwang durchdringt auch Trickfilme, wo eine Biene Maja mit Wimpern klimpert oder ein Schwamm wie Spongebob Zähne zeigt, weil wir sie in Wirklichkeit mit ihren Facettenaugen und nahrungsfiltrierenden Geißelkammern nicht liebenswert finden können. Rüpelhafte Raubtiere wie Delfine hingegen mögen wir, weil wir ein Lächeln in ihren „Gesichtern“ erkennen. Relativ ähnlich aussehende Tiere wie Haie haben hingegen beim „Freundliches Maul“-Design definitiv versagt.


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