Tiere

Kugeln im Kopf

Peter Iwaniewicz schreibt über relevante Nachspeisen

Falters Zoo | aus FALTER 24/17 vom 14.06.2017


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Diese Woche ging die phil.cologne zu Ende, das Festival des vertieften Denkens. Dort referierte unter anderen der Philosoph Markus Gabriel darüber, dass nicht nur gefälschte Nachrichten, sondern auch das Publizieren unbedeutender Informationen „Fake News“ wären. Die Meldung, dass US-Präsident Donald Trump im Gegensatz zu seinen Gästen im Weißen Haus immer zwei Kugeln Eis serviert bekommt, zeige für ihn, dass Journalisten die Vermittlung relevanter und komplexer Zusammenhänge scheuten, weil sie fälschlich befürchteten, das Publikum zu überfordern.

Diese Nachricht geht mir tatsächlich – um es mit den Worten eines Poeten zu sagen – am Osculum, der Ausströmöffnung von Schwämmen, vorbei. Andererseits frage ich mich, wie Gabriel dann den Versuch einstufen würde, wutschnaubenden Gärtnern die interessanten anatomischen Unterschiede zwischen Schmetterlingsraupen und den auf den ersten Blick ähnlich aussehenden Blattwespenlarven näherzubringen. Diese haben neben den drei Brustbeinpaaren mehr als vier Stummelbeinpaare am Hinterleib, aber das erscheint mir schon in dem Moment, wo ich das schreibe, als völlig irrelevant angesichts wirklich wichtiger Informationen.

Welches Wissen heutzutage tatsächlich Bedeutung hat, belegt eine deutsche Studie: Demnach kennen unsere Nachbarn im Durchschnitt acht verschiedene wildlebende Tiere und sechs Pflanzenarten. Im Unterschied dazu fielen den Testpersonen aber 21 Automarken ein. In Wien hingegen glauben 18 Prozent der 20- bis 45-Jährigen, dass der Hirsch ein männliches Reh ist.

Diese Verschiebung hin zu relevantem Alltagswissen ist sicher sinnvoll, da genaue Kenntnisse der Flora und Fauna schon lange nicht mehr unsere Überlebenschancen erhöhen.

Wie viele Menschen werden denn noch von einer Europäischen Hornotter gebissen und überleben nur deswegen, weil sie dem Arzt diese Art nennen können (40 von 780 Bissopfern sterben unbehandelt). Viel eher wird man doch von einem Auto niedergefahren und dann ist es für einen Anspruch auf Invalidenrente notwendig zu wissen, dass man von einem Opel Corsa, Baujahr 2009, abgeschossen wurde.

Am besten sichert man im 21. Jahrhundert seine Existenz, wenn man im Millionenquiz gewinnt. Und das deswegen, weil man auf die Frage zum bevorzugten Nachtisch des US-Präsidenten richtig antwortet.


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