Ein erstaunlicher Filmemacher: Der Avantgardist Ferry Radax wird 85

Geburtstagsständchen: Michael Omasta | Feuilleton | aus FALTER 24/17 vom 14.06.2017

Das Theoretisieren war seine Sache nie. Statt das eigene Werk auszudeuten oder sich damit aufzuhalten, Film als künstlerisches Ereignis durchzudeklinieren, arbeitete Ferry Radax lieber fröhlich immer weiter. Dabei lag ihm das Bonmot stets näher als pseudoakademischer Ernst. "Die einen machen Glühbirnen, um die Welt zu erhellen", meinte er einmal, "ich mache Filme."

Sein erster, "Das Floß", ein apokalyptisches Spielfilmprojekt aus dem Jahr 1954, bleibt gleich einmal unvollendet; seine letzten, eine zweiteilige "Videographie", in der er sich auf die Spuren seiner Kindheit macht, wurden 2012 und 2015 veröffentlicht. Dazwischen hat Ferry (eigentlich Franz) Radax, geboren am 20. Juni 1932 in Wien, gut und gerne 130 Filme gedreht: fürs Kino und fürs Fernsehen - und ganz am Anfang auch Werbefilme für Geigys Unkrautvertilgungsmittel.

Bevor er den Film für sich entdeckte, versuchte Radax sich als Jazzpianist, Modezeichner, Fotograf und inskribierte als einer der Ersten an der Wiener Filmakademie. Ein großer Leser war er schon immer, und dieser Umstand prägt auch sein Werk. Kein anderer Filmemacher besaß so ein kreatives Naheverhältnis zur literarischen Avantgarde des Landes: vor allem zu Konrad Bayer, unter dessen maßgeblicher Mitwirkung dann auch "Sonne halt!"(1959-62) entstand, ein Hauptwerk der Filmavantgarde schlechthin.

Radax' erstaunliches Werk trägt nun, spät, aber doch, erneut die erstaunlichsten Früchte. So beispielsweise ist sein Film über "Thomas Bernhard - Drei Tage" kürzlich bei Blast Books in New York in Buchform erschienen. 1970 hatte er den Autor aus seinem Domizil in Ohlsdorf (OÖ) geholt und auf eine Parkbank in Ohlsdorf (Hamburg) verpflanzt. Er drehte den Film "wie einen Comic", indem er den allzu ernsthaft philosophierenden Protagonisten quasi zerstückelte.

Am kommenden Dienstag begeht Ferry Radax, der sich nach gesundheitlichen Problemen weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, seinen 85. Geburtstag. Alles Gute!


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