Gelesen Bücher, kurz besprochen


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Politik | aus FALTER 24/17 vom 14.06.2017

Wie der Staat 2015 versagt hat

Es war die zentrale Frage des Flüchtlingssommers 2015: Wie kann es sein, dass in einem der reichsten Länder der Welt geflüchtete Menschen im Freien übernachten müssen, dass sogar Kinder verschwinden, dass die Republik mit den Flüchtlingen heillos überfordert ist? Nun liefert die Journalistin Julia Ortner mit dem früheren ÖVP-Politiker Ferry Maier die Antwort. Maier hatte als rechte Hand von Flüchtlingskoordinator Christian Konrad direkten Einblick in die staatlichen Machtzentralen.

Es ist ein Insiderbericht mit verheerender Bilanz: ein Innenministerium, dessen Beamte aus Unfähigkeit und Nichtwollen zahlreiche Bemühungen, die Situation zu verbessern, zunichtemachten und durch eine ausgeprägte Aversion gegen Nichtregierungsorganisationen auffielen. Ein Beispiel: Im Lager Traiskirchen gab es für Infektionskrankheiten keine stationäre Behandlungsmöglichkeit. Als der Flüchtlingskoordinator ein Feldspital aufstellen lassen wollte, wurde ihm erklärt, dafür brauche er alle möglichen Genehmigungen. "Man hatte geradezu den Eindruck, sie wollten das abwehren, weil ohnehin alles bestens ist." Dass Asylwerber in leerstehenden Kasernen untergebracht werden konnten, scheiterte wiederum am Kampf zwischen der schwarzen Innenministerin und dem roten Verteidigungsminister, die sich auf Kosten der Flüchtlinge ein Politmatch lieferten. Integration, wofür der neue ÖVP-Chef Sebastian Kurz politisch zuständig ist, werde nur in Form von Überschriften abgehandelt.

Im Buch kommen auch Geflüchtete sowie Flüchtlingshelfer und Experten zu Wort, die zeigen, wie man es besser machen kann. Es ist ein Buch, das sich liest wie ein Krimi, und eine Pflichtlektüre für alle, die mitgeholfen haben, Flüchtlinge in Österreich willkommen zu heißen.

Ferry Maier/Julia Ortner: Willkommen in Österreich? Tyrolia, 175 S., € 20,60


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