"Warum vertuscht ihr denn diesen Skandal?"

Warum wir den Namen eines prominenten Beschuldigten im Fall eines tödlichen Bootsunfalls nicht nennen


Erklärung: Florian Klenk
Medien | aus FALTER 24/17 vom 14.06.2017


Foto: Archiv

Das Drama ist schnell erzählt: Ein ÖVP-naher Promi aus Niederösterreich hat stark alkoholisiert auf dem Wörthersee ein Boot gelenkt. Auf dem Boot saßen seine besten Freunde. Der beste Kumpel des Mannes fiel bei der Fahrt ins Wasser. Er wurde dabei vom Schiff tödlich verletzt. Zwei kleine Kinder, vier und sechs Jahre, sind nun Waisen.

Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt hat den Leichnam obduzieren lassen und nach Klärung der Todesursache zur Beerdigung freigegeben.

Die Kriminalpolizei hat die Besatzung des Bootes im Auftrag der Staatsanwaltschaft befragt und wollte auch den Beschuldigten einvernehmen. Er bat darum, erst später einvernommen zu werden, da er unter Schock stand.

Nur die Justiz darf aussprechen, ob der Promi den Unfall verursacht hat, etwa durch Zickzacklenken, wie Zeugen aussagen. Dann droht eine unbedingte Haftstrafe. Alkoholisiert einen Unfall mit Todesfolge zu verursachen wird hart bestraft. Sollte sich herausstellen, dass der Freund aus eigenem Verschulden ins Wasser stürzte, könnte auch ein Freispruch möglich sein.

Das ist in drei Absätzen die tragische Geschichte – und sie beschäftigt, wie ein Blick in soziale Netzwerke und unsere Mailbox zeigt, eine breite Öffentlichkeit. Viele stellen sich die Frage, wieso der Name des Promis in den Zeitungen verschwiegen wird und stattdessen nur von einem Verschwörungstheoretiker im Netz verbreitet wurde. Werden wir Medien etwa von oben gelenkt?

Ein hochrangiger FPÖ-Politiker aus Niederösterreich rief den Falter an und spottete: „Seid ihr Systemmedien wirklich schon so von oben gesteuert, dass ihr in diesem Fall vertuschen müsst? Ziehen Erwin Pröll und Innenminister Sobotka bei euch jetzt auch schon die Fäden?“

Der Blaue erwähnte auch die (nachweislich falschen) Gerüchte um Affären mit Weinköniginnen und (in Wahrheit nie stattgefunden habende) Polizeieinsätze, die rund um Ex-Landesvater Pröll vertuscht würden. Auch Dutzende Leserinnen und Leser fragten: „Wieso schweigt auch ihr, wenn es um Niederösterreichs Mächtige geht?“

Die Frage kann beantwortet werden. Es wird nichts vertuscht, und wir sind auch nicht „von oben“ gesteuert. Wir beachten den Identitätsschutz des Mediengesetzes und sehen kein öffentliches Interesse darin, den Mann, der kein öffentliches Amt mehr bekleidet, nach dem Drama auch noch an den Medienpranger zu ketten. Und zwar aus folgenden Gründen.

Erstens: Die Behörden ermitteln in dem Fall sehr genau und informieren darüber. Die Polizei in Klagenfurt hat umgehend Zeugeneinvernahmen durchgeführt, einen Alkotest beim Beschuldigten vorgenommen (1,2 Promille) und den Leichnam obduzieren lassen.

Zweitens: Das Mediengesetz verbietet die Namensnennung eines Beschuldigten, zumal bei einer ungeklärten Fahrlässigkeitstat, wenn die Tat nicht im Zusammenhang mit dem öffentlichen Leben dieser Person steht. Der Prominente bekleidete zwar eine hohe Position, sein Fall spielt aber im Privatleben. Er wird auch nicht mehr für ein hohes Amt kandidieren.

Drittens: Der Ehrenkodex der Presse sieht Zurückhaltung vor. Sowohl die Familie des Beschuldigten als auch die Familie des Opfers haben Schutz vor dem Pranger oder dem Interesse einer breiten medialen Öffentlichkeit.

Es ist erstaunlich, dass sich bisher alle Medien an das Anonymisierungsgebot gehalten haben. Zwei Boulevardmedien haben das vermutlich nicht nur aus hehren Gründen getan, sondern weil ihnen der Prominente auch persönlich nahesteht. Der Falter hat die Abwägungsfrage nach einer kurzen Diskussion pro Persönlichkeitsschutz getroffen. Mit Vertuschung hat das nichts zu tun. Sondern mit Verantwortung und Persönlichkeitsschutz auch gegenüber Beschuldigten. Das unterscheidet Journalismus von der Meute im Netz.


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