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Die 38. Konfrontationen im burgenländischen Nickelsdorf bieten Free Jazz und Free Improv vom Feinsten


KLAUS NÜCHTERN
Lexikon | aus FALTER 28/17 vom 12.07.2017

Treffen sich zwei Musiker zufällig am Flughafen von Heathrow. Fragt der eine: "Und, wo musst du hin?" Sagt der andere: "Nach Wien." "Und wo liegt das?""In der Nähe von Nickelsdorf."

Für Leute, die die Pointe nur erahnen: Bei den Kollegen handelt es sich um Vertreter aus dem Genre "Free and Improvised Music" - so lautet die offizielle Spezifikation für das Festival Konfrontationen, das heuer zum 38. Mal über die Bühne der Jazzgalerie Nickelsdorf geht.

Neben dem weltberühmten Festival verfügt Nickelsdorf auch noch über einen vollkommen irren Wikipedia-Eintrag, der die Geschichte der burgenländischen Grenzgemeinde vom Neolithicum bis zum Mauerfall in Romanlänge verhandelt, und wo man auch erfährt, dass die seit 2006 wieder steigende Einwohnerzahl den Stand von circa 1890 erreicht hat.

Dieser Bevölkerungszuwachs verdankt sich dem Umstand, dass sich immer wieder reisemuffige Free-Musiker in Nickelsdorf niederlassen -zum Beispiel der aus Schweden stammende Mats Gustafsson, dessen Saxofonspiel dafür verantwortlich ist, dass in der Umgebung nur noch ausgesprochen widerstandsfähige Kurzgrasarten und Hartriegelgewächse gedeihen.

Als Local Hero wird Gustafsson mit dem französischen Dudelsackspieler Erwan Keravec und danach mit dem legendären Saxofonisten/Trompeter Joe McPhee auftreten, wobei Duos heuer überhaupt ein beliebtes Format sind: Han Bennink (dr) mit Joris Roelofs (cl, bcl); Oliver Lake (sax) mit Donald Robinson (dr); Paul Lovens (dr) mit Sten Sandell (p) und Hamid Drake (dr) mit Michael Zerang (dr).

Angenehm konservativ verzichten die 38. Konfrontationen auf Laptopismus-Exzesse, die meisten Musiker spielen auf echten Instrumenten, und dass die Rohrblattler in der Überzahl sind, ist auch schon mal kein Fehler. Im Tentett des niederländischen ICP Orchestra stellen sie ein knappes Drittel, und dessen Auftritt ist Festakt und Trauerfeier zugleich: Zum einen existiert das Label des Instant Composers Pool seit 1967, zum anderen ist der exzentrische Pianist Misha Mengelberg, der es gemeinsam mit Han Bennink und Willem Breuker gegründet hat, im heurigen Frühjahr verstorben.

Wenn man bedenkt, dass Bennink und Mengelberg auch schon beim "Last Date" von Free-Jazz-Legende Eric Dolphy am 2. Juni 1964 in Hilversum dabei waren, erschauert man ein bissl vor Ehrfurcht, aber dagegen wird das Tentett schon tapfer anspielen.

Jazzgalerie Nickelsdorf, 20. bis 23.7.


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