"Wer noch sprechen kann, kann marschieren!"

Ein junger Rekrut stirbt nach einem Marsch in der Hitze. Der Vater eines Kameraden des Toten schildert, welchen Schikanen die Soldaten ausgesetzt sind. Der Verteidigungsminister ist gefordert


Gesräch: Florian Klenk
POLITIK | aus FALTER 32/17 vom 09.08.2017

Der Rekrut Toni P. starb vergangene Woche in der Horner Radetzky-Kaserne. Er brach bei einem Marsch in der Rekordhitze zusammen, wurde in die Kaserne gebracht, wo ihn der Notarzt nicht mehr reanimieren konnte (siehe Marginalspalte). Das Bundesheer setzte eine Untersuchungskommission ein, die mit der Justiz kooperiert. Der Falter führte ein Hintergrundgespräch mit einem der Grundwehrdiener, der den Toten in der Kaserne kennengelernt hatte. Weil Soldaten mit der Presse nicht sprechen dürfen, führen wir das Interview mit dessen Vater unter Zusicherung von Anonymität, mit geändertem Namen. Vater und Sohn wollen eine unabhängige Untersuchung.

Falter: Herr Huber, ein Soldat ist nach einem Marsch in der Hitze zu Tode gekommen. Was hat Ihr Sohn wahrgenommen?

Johann Huber: Die Kameraden meines Sohnes erzählten, der Bursche habe sich während des Marsches schlecht gefühlt. Es gab schon davor klare Anzeichen von Schwäche. Doch die Verantwortlichen hätten angenommen, er würde simulieren. Zwei Kameraden des Verstorbenen waren bei dem Marsch vor Ort.

Was erzählen die beiden?

Huber: Nachdem der Bursche zusammengebrochen war, hätte ihn ein Vorgesetzter zunächst in die Wiese gelegt, da war er kaum noch bei Bewusstsein. Ein Gefreiter habe ihm Wasser ins Gesicht geschüttet und der zusammengebrochene Rekrut habe gefragt: "Warum spuckst du mich an?" Er war schon völlig verwirrt. Obwohl es klare Anzeichen der Gefahr gab, wurde nicht sofort die Rettung verständigt, stattdessen habe der Gefreite zunächst den Zugskommandanten angerufen. Dann sei ein Lkw gekommen, auf den man den Burschen geladen habe, mit dem seien sie in die Kaserne gefahren. Dort seien zwei Sanitäter gekommen, dann die Rettung und der Notarzt, der ihn nicht mehr reanimieren konnte.

Kannte Ihr Sohn den Verstorbenen?

Huber: Ich möchte die Identität meines Sohnes wegen möglicher Repressalien schützen. Er ist mit dem Verstorbenen eingerückt, beide wurden nach Horn ins Garderegiment versetzt. Es ist ihm wichtig, dass die Zustände in dieser Kaserne ans Licht kommen.

Was hat Ihnen Ihr Sohn von Horn erzählt?

Huber: Ich war selbst Grundwehrdiener, aber was mein Sohn erzählt hat, ist für mich unerträglich. Hier wird offensichtlich nicht auf das Leben der jungen Männer geachtet. Die Rekruten hatten schon zuvor bei ärgster Hitze einen ersten Marsch über 7,2 Kilometer zu absolvieren. Sie trugen 30 Kilo Marschgepäck am Rücken. Ein Kamerad hat zu torkeln begonnen, er musste gestützt werden, aber durfte den Marsch nicht unterbrechen. Er bekam immer wieder den Befehl weiterzugehen -an einem der heißesten Tage des Jahres. Jeder weiß, wie gefährlich das sein kann.

Hat er den Marsch geschafft?

Huber: Nein, die anderen mussten ihn mitschleifen. Und dann war noch dieser Vorfall am Tag vor dem Todesfall. Da mussten die Rekruten wieder bei großer Hitze robben und laufen. An diesem Tag sollen mehr als 20 Männer bei der Übung in Ohnmacht gefallen sein. Das ist doch nicht normal, wir befinden uns nicht im Krieg.

Hat sich jemand über diese Zustände beschwert?

Huber: Niemand beschwert sich! Die Burschen werden vom ersten Tag an eingeschüchtert und drangsaliert. Und wehe einer wagt es, gesundheitliche Probleme anzusprechen.

Was passiert dann?

Huber: Der Kompaniekommandant (Name bekannt, Anm.) sagte laut meinem Sohn: "Wer bei einem Marsch Schwäche simuliert, muss auf jeden Fall weitergehen! Jeder, der noch sprechen kann und sagen kann, dass er nicht mehr weiterkann, wird weitermarschieren. Wer noch in der Lage ist zu sprechen, kann auch marschieren!" Für mich persönlich grenzt das an geplante Körperverletzung. Mein Sohn erzählt auch, dass jene, die sich krankmelden, anschließend zur "Nachschulung" müssen. Da wird dann die "Alarmpackordnung" geübt: Spind räumen, Gewehr zerlegen. In Wirklichkeit ist das natürlich keine Nachschulung, sondern eine reine Bestrafung für das Krankmelden. So haben sie eine Kultur geschaffen, in der sich Geschwächte nicht mehr melden und ihr Leben riskieren müssen. Das gehört unabhängig untersucht und am besten geändert.

Sie sprachen in einem Vorgespräch auch von sexistischer, perverser Gewaltsprache.

Huber: Die Sprache der Ausbildner ist unerträglich, wie mir mein Sohn schon ganz zu Beginn seiner Ausbildung in Whats-App-Nachrichten schilderte. Wenn du einen Fehler beim "Habt Acht!" machst und zum Beispiel die Finger falsch an den Körper anpresst, sagt der Exerziermeister (Name der Redaktion bekannt, Anm.) Sätze wie: "Was macht ihr da mit euren Händen, wollt ihr dass ich meine Eier in eure Hände lege, damit ihr sie streicheln könnt? Was ist da für ein Loch in der Hand, soll ich da reinficken?" Diese Gewaltsprache ist im Jahr 2017 nur noch unerträglich. Als die Rekruten einmal fünf Minuten Pause von diesen Schikanen bekommen haben, hat er zu ihnen gesagt: "So, jetzt gehts wichsen, damit ihr den Kopf freikriegt!" So hat ein Exerziermeister und Oberwachtmeister des Bundesheeres nicht zu sprechen.

Werden Sie all das bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige bringen?

Huber: Wenn die Vorkommnisse strafrechtlich relevant sind, werde ich sie bei der Staatsanwaltschaft anzeigen, ich werde mich darüber noch mit meinem Anwalt besprechen.

Der Fall des Rekruten Toni P.

Am Freitag starb der Wiener Grundwehrdiener Toni P. in der Kaserne in Horn. Toni P. war 19 Jahre alt und Sportler, behandelnde Ärzte vermuten, er könnte an einer bakteriellen Infektion verstorben sein, womöglich an einer Meningokokken-Hirnhautentzündung

Jugendliche, die gemeinsam unter unhygienischen Bedingungen untergebracht sind, haben ein erhöhtes Infektionsrisiko. Die Krankheit ist hochansteckend, kündigt sich mit Schwindel und Schwäche an und erfordert schnelles Handeln. Die Staatsanwaltschaft ordnete eine Obduktion an, das Heer setzte vorbeugende medizinische Maßnahmen in der Waldviertler Kaserne

Ein Heeressprecher sagt, es sei keine Verzögerung bei Erste-Hilfe-Maßnahmen festgestellt worden. Toni P. habe keine Anzeichen einer Schwächung gezeigt. Soldaten erzählen eine andere Geschichte: Der Bursche sei sichtlich geschwächt gewesen, darauf sei keine Rücksicht genommen worden


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