Tiere

Flugängste

Kolumnen, FALTER 45/17 vom 08.11.2017


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Eigentlich könnten späte Herbsttage sehr entspannt sein: Man kann seinen Körper dann und wann gegen den warmen Heizköper drücken, den wirbeligen Wegen der fallenden Blätter zusehen und die wie von Geisterhand gesteuerten Schwarmflüge der Stare bewundern.

Oder man kann sich belästigt fühlen. So wie der Präsident des burgenländischen Weinbauverbandes, der es nicht fassen kann, dass Birdlife Österreich den Star zum Vogel des Jahres 2018 ausgerufen hat. Also quasi den Todfeind der Weinbauern zum schützenswerten Tier ernannt hat. Dabei wurde diese Vogelart noch Anfang des 20. Jahrhunderts als Nützling geschätzt, der sich von landwirtschaftlich unerwünschten Insekten ernährt. Diese Arbeit erledigen jetzt Pestizide, da braucht es keine Stare mehr. Nur mit einem schillernden Federkleid schön auszusehen, 20 Jahre alt zu werden und Umgebungsgeräusche imitieren zu können, das ist heutzutage einfach zu wenig, um Teil der Naturlandschaft in Österreich sein zu dürfen.

Belästigt fühlen sich zurzeit auch viele Menschen von den „kleinen Fliegerln“, die dieser Tage bevorzugt über gut abgehangenem Obst in der Wohnung kreisen. Fälschlich Fruchtfliege genannt, handelt es sich dabei um das Wappentier der Genetik, die Drosophila aka Tau- oder Essigfliege. „Man mag es bedauern“, schreibt der Nobelpreisträger François Jacob, „dass der Name Drosophila, der eigentlich ‚sie mag Flüssigkeiten‘ bedeutet, einem anderen vorgezogen wurde, den früher einige Insektenforscher verwendeten: Oenopota, die Weintrinkerin.“

Nichts wirkt anziehender auf diese Zweiflügler als der Saft vergorener Früchte. Die als biologische Bekämpfungsmethode empfohlenen Fallen mit zerdrücktem Bananenmus und Rotwein bewirken daher genau das Gegenteil: Sie locken Taufliegen aus der ganzen Nachbarschaft an. Mein Rat: Geben Sie nach ein paar karmaschädigenden Zerquetschungsversuchen und unschönen Fuchteleien ihren neuen Fliegenfreunden lieber einen aus und beobachten Sie die Tiere bei ihrer Balz: Zuerst betastet das Männchen das Weibchen mit den Vorderfüßen, dann fächelt er Luft in ihre Richtung. Sie antwortet mit vibrierenden Flügeln und entscheidet sich, ob es ihn als Partner akzeptiert. Andernfalls schwirrt sie ab. Das machen die Fliegenfrauen zum Glück sehr oft, denn wenn alle Nachkommen überleben würden, gäbe es nach einem Jahr 10 hoch 41 stramme Drosophiliden.

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