Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Monat der Welt der Woche


MATTHIAS DUSINI
Feuilleton | aus FALTER 04/18 vom 24.01.2018

Der Jänner ist das Aschenputtel unter den Monaten. "Die Amseln frieren. Und die Krähen darben. Und auch der Mensch hat seine liebe Not", heißt es bei Erich Kästner. Die großen Feiern sind vorüber, mit guten Vorsätzen quält sich der Konsumbürger ins neue Jahr. Der Verzicht auf Alkohol und Schweinsbraten verdirbt die Laune, und der Ausverkauf in Shops wirkt wie Hohn: Hat man nicht alles bereits im Herbst zum Vollpreis gekauft?

Doch der Schein trügt. Die Wochen am Jahresbeginn sind ein Ausnahmezustand, den nur dumpfbackige Zeitgenossen als Hochzeit der Düsternis ablehnen können. Mitte Jänner beginnt das RTL-"Dschungelcamp"(siehe auch S. 23), die Olympiade der Castinggesellschaft, das Hahnenkammrennen des Voyeurismus. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt, um sich mit einer Wolldecke auf die Couch zurückzuziehen und die TV-Serien des vergangenen Jahres nachzuholen. Ein Blick durchs Fenster hinaus in die grauen Wolken genügt, um alle Vorhaben sportlicher Freizeitgestaltung sofort einzustellen.

Wenn man es dennoch mit dem Laufgewand hinaus in den Park schafft, ist der Genuss umso größer -der Kontrast zwischen eiskalter Luft und heißem Körper. Revolutionen werden im Mai gemacht, der Jänner ist eher etwas für ausgeglichene Temperamente. Am 6. Jänner 1938 etwa wurde der große italienische Stoiker Adriano Celentano geboren, ein Vorbild darin, die Mühsal der modernen Zeiten mit Gelassenheit zu ertragen. Hitzköpfe können mit dem Jänner wenig anfangen. Zum Demonstrieren geht das Volk nur dann auf die Straße, wenn -wie im Jänner 2017 in den USA -ein Despot nach der Macht greift.

Nörgler halten den Monat für grau und verkennen dabei dessen eskapistisches Potenzial: Niemals ist es schöner, in ein heißes Wasserbecken zu steigen.

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