RETTET DIE KINDHEIT!

Fünf Eltern erzählen, wie das Smartphone das Leben ihrer Kinder und das ihrer Familie verändert hat. Und was sie tun, um die Sucht in den Griff zu kriegen

Redaktion: Barbara Tóth, Illustration: P. M. Hoffmann
Stadtleben, FALTER 07/18 vom 14.02.2018


Illustration: P.M. Hoffmann

Ich kann mich noch an den Tag erinnern. Unsere Tochter, heute zwölf Jahre alt, besuchte damals die dritte Klasse der Volksschule. Sie hatte mit Mitschülerinnen eine Schulband gegründet und ihre Freundinnen zu uns zum Proben eingeladen. Das ließ bildungsbürgerliche Herzen höherschlagen! So kreativ in jungen Jahren! Die Kids hatten ihre Instrumente mitgeschleppt, Liedtexte geschrieben, sogar Kostüme genäht. Kindliche Euphorie! Es klimperte, sang und klang fröhlich durch die Kinderzimmertür. Nach gerade einmal einer Stunde war plötzlich gespenstische Stille im Haus. Ich öffnete vorsichtig die Kinderzimmertür, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist. Alle Kinder saßen im Kreis über das Smartphone einer Mitschülerin gebeugt. „Was macht ihr da?“, fragte ich. „Wir schauen in Youtube nach, wie man trommelt.“ „Dort stehen Trommeln“, stotterte ich völlig verdattert. „Trommelt doch einfach! Das geht spontan!“

Die Bandprobe war auch ohne meine „uncoole“ Intervention schon seit einer Stunde beendet. Natürlich hatten sich die Kinder vom Tutorial weg ins verführerisch unterhaltsame Internet verloren, waren bei Prank- und Musikvideos hängengeblieben. Ihnen war jede Lust auf ihre kindlich begeisterte – vermeintlich viel anstrengendere – Kreativität angesichts des bequemen Konsums der perfekten, millionenfach gelikten Inszenierungen vergangen. Sie trafen sich nach diesem Tag übrigens nie wieder zu einer Bandprobe.

Ich hätte es besser wissen müssen, aber ich gab unserer Tochter ein halbes Jahr später mein altes iPhone4. Aus heutiger Sicht ein fataler Fehler. Sie hing ab diesem Zeitpunkt am Tropf der digitalen Welt. Die Kanüle war das Smartphone und der mediale Stoff, einer Droge nicht unähnlich, bahnte sich den Weg durch die kindlichen Blut- und Nervenbahnen. Fast jede ihrer Freundinnen besaß in der dritten Klasse der öffentlichen Wiener Volksschule schon ein Smartphone, teilweise nigelnagelneue Modelle für über 300 Euro – inklusive eigener Instagram-, Facebook-, Whatsapp- und Snapchat-Accounts. Sie waren mit nicht mal zehn Jahren „in“. Oder sollte ich besser sagen „drauf“? Unsere Tochter war mit die Letzte, die noch „clean“ war.

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