Film Retrospektive

Das Leben kennengelernt: Huston-Stevens im Dialog

Gerhard Midding
Lexikon, FALTER 10/18 vom 07.03.2018

Vor einigen Jahren zeigte das Pariser Shoah-Museum eine Ausstellung, die ihre Besucher auf dem falschen Fuß erwischte. Schon am Eingang war Jerome Kerns "The Way you look tonight" zu hören und im ersten Saal dann auch zu sehen, wie wie Fred Astaire seine geliebte Ginger Rogers in "Swing Time" singend und tanzend umwirbt. Der Kontrast zwischen der erhabenen Leichtfertigkeit dieser Szene und dem, was Regisseur George Stevens wenige Jahre später in Dachau erlebte, hätte nicht größer sein können.

Die Ausstellung "Filmer les camps" zeigte, wie Hollywood mit dem unvorstellbaren Kulturbruch konfrontiert wurde. Vor dem Krieg war Stevens ein Spezialist in der einzigen Disziplin, die John Huston, sonst ein Mann für alle Genres, nicht beherrschte: der Komödie. Stevens gehörte zu einer Spezialeinheit, die sowohl die Invasion in der Normandie als auch die Landung auf Sizilien filmte. Einen Tag nach der Befreiung kam er in Dachau an. "Hier habe ich das Leben kennengelernt", sagte er. Der Anblick der ausgemergelten Überlebenden ließ ihn nicht mehr los. Seine Weggefährten aus dem Krieg gehörten später zu seinem festen Team in Hollywood. Im Vorkriegskino hatte er ein selbstgewiss romantisches Amerika-Bild entworfen. Das konnte er nicht mehr aufrechterhalten; fortan erlebten seine Helden nur noch leere Triumphe.

Das Scheitern wiederum ist ein Bindeglied in Hustons heterogenem Oeuvre. Er ist dessen Poet. Seine Weltsicht ist pessimistisch, aber nicht resigniert. "Eine Sache ist nicht verloren", heißt es in "Key Largo","solange noch jemand bereit ist, für sie zu kämpfen." Stolz und Hingabe, mit denen Hustons Abenteurer sich auf die Suche oder in einen existenziellen Kampf begeben, sind für ihn ein Wert an sich: Bei einem passionierten Erzähler wie ihm behält die Vergeblichkeit nicht das letzte Wort, denn aus der Niederlage lässt sich stets eine Lehre und Moral ziehen.

Österreichisches Filmmuseum, bis 5.4.

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FALTER 29/19
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