Kunst Kritik

Betörend: Wo sich Haut an Felsen schmiegt

NS | Lexikon | aus FALTER 17/18 vom 25.04.2018

Die Installation heißt "Second Nature" und startet mit einem Wow-Effekt: Mit dem Übertreten einer Schwelle im Kunstraum das weisse haus beginnen ein Dutzend Filmprojektoren zu rattern. Antoinette Zwirchmayr hat die Filmscreens so im Raum gehängt, dass man alle ihrer sinnlichen Aufnahmen simultan sehen kann.

Die Szenen führen in den Süden, wo nackte Haut auf sonnengewärmten Stein und die Patina alter Villen trifft. Die Leinwand gleich zu Beginn zeigt einen entblößten männlichen Unterleib, der aber in diesem Setting gar nichts Anrüchiges an sich hat. Körper und Landschaften haben es der 1989 geborenen Salzburgerin angetan, seit sie nach der Matura zur Spiegelreflexkamera gegriffen hat. 2013 hat sie den Birgit-Jürgenssen-Preis gewonnen und auch auf der Diagonale in Graz wurde sie schon für Dokumentationen ausgezeichnet.

Sommerliche Schönheit und ein mediterranes Lebensgefühl sind Trumpf in ihrer betörenden neuen Installation. Dabei passiert kaum etwas, die Videotableaus bleiben statisch: Ein nackter Mann schmiegt sich mit geschlossenen Augen an welliges Gestein, südliche Pflanzen und Architekturen geleiten über zu einem unbekleideten Paar, das sich nicht berührt und stattdessen still vor einem Fenster verharrt. Das hat schon Anklänge an das Kino der 1970er-Jahre, etwa Antonioni oder Godard, aber zum Glück ohne direkte Zitate. Eine so aufwendige analoge Filminstallation ist heute ein Statement.

Aber was hat es mit der "zweiten Natur" aus dem Titel auf sich? Diese philosophische Wendung existiert bereits seit der Antike und meint die vom Menschen geschaffene Umwelt. Linke Denker wie Georg Lukács übten später Kritik an der "Pseudo-Natur" des Kapitalismus. Bei Zwirchmayr hingegen werden die Bilder selbst zu einem paradiesgleichen Refugium.

das weisse haus, bis 5.5.

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