Neue Bücher Neue Prosa aus dem Süden

Feuilleton | aus FALTER 26/18 vom 27.06.2018

Es ist nicht lange her, dass Slowenisch als sterbende Sprache in einem sterbenden Landstrich galt und dass die frustrierten Kleinhäusler ihre Zukunft in Amerika oder im Dritten Reich sahen. Felix Kucher hat für seinen Roman über die Zwischenkriegszeit zwei Figuren geschaffen, die beide aus dem Kärntner Hinterland stammen, denen die Muttersprache gleich peinlich ist und die tragisch verbunden sind: Anton Lipic emigriert nach Argentinien und schafft es unter Mühen zum Unternehmer. Kamnik heiratet in eine reiche, jüdische Familie ein, aber als die Ehe zerbricht und er mittellos dasteht, fällt ihm ein, dass er ja NS-Parteimitglied ist.

Es ist, macht Kucher deutlich, unterdrückter Selbsthass, der ihn zum sadistischen KZ-Kommandanten werden lässt. Wie Theodora Bauer in "Chikago" erzählt Kucher stilistisch straight von Wirtschaftsflucht und Nationalismus. Die Parallelen zur Gegenwart sind klar.

DOMINIKA MEINDL

Felix Kucher: Kamnik. Picus, 304 S., € 24,-

Der experimentierfreudige Grazer Max Höfler frönt nicht nur im Titel Dreierstrukturen, er zieht dieses Prinzip bis ins kleinste Detail durch. Der Untertitel ("Commedia") wie auch die drei Abschnitte ("Im Inferno","Im Fege-Feuer","In Eden") des Buches erinnern an Dantes "Divina Commedia", nur dass es sich hier um die neoliberale Arbeitshölle, das Fegefeuer alkoholischer Dauerbetäubung und perfide Strafen handelt, durch die die mit Prominentennamen ausgestatteten Figuren gejagt werden.

Höflers Konzepttext arbeitet mit Sprachmaterial aus Youtube und Werbung. Thematisiert werden Abhängigkeitsverhältnisse im Bereich Arbeit und Sexualität, gesellschaftliche Gewalt, Rausch und Tod. Am Ende steht eine Zukunftsvision als Rückschau auf den heutigen Status quo, in der die Absurdität unseres Schweigens angesichts wachsender sozialer Missstände ausgestellt wird.

ALEXANDRA MILLNER

Max Höfler: Arbeit Freizeit Gewalt. Commedia. Ritter, 208 S., € 18,90

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FALTER 43/18

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