Doris Knecht Selbstversuch

Ein starkes Argument für lauten Aktivismus


Doris Knecht
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 40/18 vom 03.10.2018

Ich war mit den Mimis neue Pässe machen, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, mit allen dafür benötigten Unterlagen. Ich musste nicht wieder heimfahren und etwas Vergessenes nachbringen. Das ist nicht immer so, hat aber vielleicht damit zu tun, dass die Mimis ihre Pässe brauchen, nicht, weil wir verreisen, sondern weil sie seit ein paar Monaten 16 sind und das Erste, wofür sie ihr aktives Wahlrecht einsetzen werden: Sie unterschreiben das Frauenvolksbegehren.

Ich gehe davon aus, dass das hier alle machen, außer sie haben schon die Unterstützungserklärung abgegeben. Soll ein paar geben, die sagen, das und das und das finde ich nicht so gut, mag nicht. Ich sage: Wer das Frauenvolksbegehren (www.frauenvolksbegehren.at) nicht unterschreibt, ist gegen die Gleichberechtigung, ist gegen gleiche Löhne für gleiche Arbeit, ist dagegen, dass Freundin, Töchter, Schwestern, Mutter, Ehefrau, einem selbst das Gleiche zusteht wie jedem, der zufällig als Kerl auf die Welt kam. Wer das Frauenvolksbegehren nicht unterschreibt, hält Frauen für Menschen zweiter Klasse und möchte, dass das so bleibt. So wie die Frauenministerin, die Frauenvereinen die Mittel streicht, die Frauen unterstützen und vor Gewalt schützen, und stattdessen lieber Burschenschafter subventioniert. Und gut aufpasst, dass das Patriarchat ja nicht an Terrain verliert. Das Patriarchat hat ja seit letzter Woche ein Gesicht: jenes von Brett Kavanaugh, dem republikanischen Kandidaten für den Obersten Gerichtshof, der sich einer Anhörung stellen musste, weil ihm von mehreren Frauen sexuelle Gewalt vorgeworfen wird. Es ist mehr die Fratze eines beleidigten Schulbuben, der nicht bekommen soll, was ihm versprochen wurde, was ihm seiner Meinung nach zusteht, und der deswegen heult und brüllt wie ein trotziges Kind.

Es gab in diesem Kontext eine Szene, die ich extrem ermutigend finde, auch in Bezug auf unsere Regierung und die Donnerstagsdemos, die Gott sei Dank ab morgen, 4. Oktober wieder am Ballhausplatz stattfinden (www.wiederdonnerstag.at). Denn trotz der schlechten Figur, die Kavanaugh bei der Anhörung machte, wollen ihn die Republikaner durchboxen. Schon am nächsten Tag wurde er nominiert: zur Enttäuschung vieler auch vom Trump-kritischen Republikaner Jeff Flake. Vor der Nominierung wurde Flake von zwei Frauen im Fahrstuhl aufgehalten, die ihm von ihren Gewalterfahrungen erzählten und verzweifelt an sein Gewissen appellierten, Kavanaugh nicht zu unterstützen, das auch seinen eigenen Kindern nicht anzutun, diese Relativierung sexueller Gewalt, diesen Sieg toxischer Männlichkeit.

Und Flake hörte zu, ging hin, verlangte eine FBI-Untersuchung und überraschenderweise stimmte Trump zu. "Did that Woman in the Elevator save America?", fragt der Guardian. Es ist jedenfalls ein sehr starkes Argument für Aktivismus, für lautstarken Einspruch. Fürs Unterschreiben, fürs Demonstrieren: Wir könnten es bereuen, wenn wir es nicht wenigstens versuchen.

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FALTER 07/19
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