Die Bobos kommen

Mit dem Sonnwendviertel kamen die Besserverdienenden, nun soll ein schickes Gastroprojekt am Reumannplatz entstehen. Steht Favoriten vor der Gentrifizierung?

Grätzelbesuch: Birgit Wittstock Fotos: Christian Wind | Stadtleben | aus FALTER 43/18 vom 24.10.2018


Foto: Christian Wind

Im Café Monte steht dicht der Rauch. An einem Stehpult lehnen zwei Männer mit Dauerwellenfrisuren und offenstehenden Hemdkrägen, Biergläser vor sich, und versuchen eine Frau mit hohlen Wangen und rauer Stimme zu einem Schnaps zu überreden. Vor ihr stehen bereits drei leere Stamperln. Es ist wochentags und 14 Uhr. „Geh, Fredl, lass mi“, sagt die Frau und wehrt eine Hand ab, die nach ihrem Oberschenkel greift. Draußen, vor den großen Fensterscheiben des Monte, flanieren die Favoritner in ihrer Fußgängerzone auf und ab. Es sind Pensionisten mit harten, vergrämten Gesichtern, junge Burschen in Jogginghosen und sorgsam gestylten Haaren, die Bauchtaschen quer über die Brust geschnallt, die Gruppen stark geschminkter Mädchen in Leggings nachstellen, Frauen in langen, dunklen Mänteln und mit Kopftüchern und Männer, die Gebetsketten durch ihre Finger gleiten lassen. „Der Zehnte, der war amal was“, sagt der Mann, den seine Freunde Fredl nennen, wenn man ihn nach seiner Einschätzung zu Favoriten fragt. Doch der Bezirk würde ihm zusehends fremder. Zu viele Ausländer. Und seit einiger Zeit auch diese „Gstopften vom Sonnwendviertel“, wie Fredl sie nennt.

Es ist ein sonniger Nachmittag und auf der Favoritenstraße herrscht ein Gedränge ähnlich dem auf der Kärntner- oder Mariahilfer Straße. Bloß das Publikum ist ein anderes: Anstatt Touristengruppen oder Hipstern drängen sich hier Arbeiter und Migranten. Eine junge Frau mit kahlrasiertem Kopf und Blindenschleifen an den Ärmeln ihrer schwarzen Bomberjacke spielt auf einer Drehorgel „Oh, du lieber Augustin“, vom Viktor-Adler-Markt tönt türkischer Singsang und ein betrunkener Obdachloser uriniert in einen Mistkübel.

„Ruaß“ nennt der gebürtige Favoritner Fredl die Mischung. Und der säße vor allem einen knappen Kilometer die belebte Straße hinauf, auf dem Reumannplatz, beklagt sich der Mann. Dort, am Reumannplatz, bis zur Verlängerung der U1 im September des Vorjahres der Verkehrsknotenpunkt und schlagendes Herz des Bezirks, lässt sich der Puls Favoritens fühlen. Hier treffen alle zusammen: die türkischen Mütter und die Trinker, die eisschleckenden Tichykunden und die Pensionisten, die lauten Halbstarken und die eiligen Angestellten. Hier trifft Jung auf Alt und Arm auf Reich, Zugezogene auf Alteingesessene, das alte Favoriten auf das neue.

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