Ohren auf Selbst ist der Mann

Keith die Tasten drückt, Barre mit dem Bass beglückt


KLAUS NÜCHTERN
Feuilleton | aus FALTER 48/18 vom 28.11.2018

Seit über vier Jahrzehnten pflügt und pfötelt er sich auf einem Steinway seiner Wahl durch Solokonzerte, die hernach als Doppel-, Tripel-oder Zehnfach-Alben herausgebracht werden und als singuläre Anstrengungen eines Heldenlebens gelten. Man muss sich Keith Jarrett als "Sisypheus" vorstellen, der -halb Orpheus, halb Sisyphos -unter Ächzen und Stöhnen den Stein stets von neuem den Berg hochwälzt, was ihm durch sechsstellige Dollargagen und durch die Fähigkeit vergolten wird, sich und andere durch seinen "Gesang" zu betören. Zeugnis davon legt nun erneut "La Fenice" (2 CDs, ECM) ab. Die zwölf Stücke des Konzerts, das Jarrett im Juli 2006 in der berühmten Oper von Venedig gab, lassen sich ihrerseits grob in drei Typen unterteilen: a) groovy, b) inbrünstig, c) erratisch. Während c) zwischen irrlichternder Volatilität und gravitätischem Pathos changiert, wechselt b) zwischen Eigenem und ostentativ kunstlosen, aber herzergreifenden Darbietungen eines Traditionals oder Gilbert-and-Sullivan-Songs, wohingegen a) in Gestalt eines zusehends animierten Boogie oder des tausende Male gehörten "Stella by Starlight" auftritt, das mit mitreißender Verve auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird.

Soloklavieralben gibt's wie Sand am Meer, solche mit Nichts-als-Bass viel weniger. "End to End" (ECM) hat mit "La Fenice" ansonsten nur eins gemeinsam: Auch auf dem jüngsten Album des mittlerweile 84-jährigen britischen Bassisten Barre Phillips sind die erratischen Stücke -perkussiv-repetitiv und von fast ritueller Anmutung - mit Abstand die längsten. Die anderen "Parts" von "Quest","Inner Door" und "Outer Window" dauern lediglich zweieinhalb Minuten und fokussieren auf eine bestimmte Spieltechnik oder Klangfarbe des wunderbaren Instruments, dem Phillips völlig uneitel und gleichsam mit mönchisch-meditativer Strenge Momente von schmerzhafter Schönheit entlockt.

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FALTER 03/19

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