Die Arbeit der Nacht

40.000 Menschen putzen hauptberuflich. Unsichtbar, unterbezahlt und unbedankt. Das hat Folgen


Putzhilfe: Tom Rottenberg
Stadtleben | aus FALTER 49/18 vom 05.12.2018


Foto: Heribert Corn

Manchmal versteht Gerhard Komarek die Welt nicht ganz. Etwa wenn eine empörte Chefsekretärin anruft und motzt, dass es „unmöglich“ sei, dass das Wagerl der Putzfrau auf dem Gang steht. Heute würde der CEO nämlich früher kommen. „Wieso es einem Chef nicht zumutbar ist, einmal das Arbeitsgerät des Reinigungspersonals zu sehen, erschließt sich mir nicht“, wundert sich Komarek, „soweit ich weiß, atmen, essen und trinken auch CEOs. Und von selbst leeren sich auch in Chefetagen Papierkörbe nicht.“

Vielleicht, räumt Komarek ein, liege sein Unverständnis an seinem Beruf: Sein Geschäft ist seit 32 Jahren das Putzen. Als Unternehmer und als Funktionär: Gerhard Komarek ist Bundesinnungsmeister der Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger. Davon, die Wichtigkeit eines Berufs an Prestige, Einkommen oder Unterwerfungsgesten zu bemessen, hält er wenig: „Wenn der Herr CEO zwei Wochen nicht kommt, fällt das vermutlich niemandem auf. Wenn die Putzfrau zwei Tage das Klo nicht putzt, ist Feuer am Dach. Nur sehen soll sie keiner.“

Frau Izeta steht jeden Tag um vier Uhr früh auf. Während ihr Mann und die Kinder noch schlafen, richtet sie ihnen das Frühstück, trinkt eine Tasse Kaffee – und bricht knapp vor fünf auf: Die Öffis fahren zwar, aber die Intervalle sind größer. Tagsüber würde die Fahrt 25 Minuten dauern, jetzt sind es 45: Frau Izetas Dienstantritt ist um sechs. Bis knapp vor neun Uhr müssen die 58-jährige Bosnierin und ihre Kolleginnen die Büroetagen der Österreich-Zentrale eines internationalen Konzerns geputzt haben: Böden, Toiletten, Mistkübel. Besprechungstische und Sozialräume. Schreibtische, wenn diese offensichtlich und eindeutig leergeräumt sind.

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