You'll Never Walk Alone!

Programm und Pragmatik, Licht und Schatten: Das Rote Wien verband eine heroische Wohnbauoffensive mit rigider Fürsorgepolitik und ästhetischer Erziehung, die gegen die Diktatur des Deckchens ins Feld zog

Besichtigung: Klaus Nüchtern Illustrationen: Oliver Hofmann | Feuilleton | aus FALTER 02/19 vom 09.01.2019


Illustration: Oliver Hofmann

Die Periode, in der das lange 19. ins kurze 20. Jahrhundert übergeht und von der seinerzeit kaum jemand ahnte, dass sie bloß eine „Zwischenkriegszeit“ sein würde, zählt zu den aufregendsten der jüngeren Geschichte, und es überrascht nicht, dass das Interesse an ihr anhält. Zuletzt manifestierte sich dieses unter anderem in „Babylon Berlin“, der teuersten deutschen TV-Serie aller Zeiten und zugleich die hysterisch-grelle Inszenierung einer Kriminalstory, für die die Weimarer Republik mit ihrem Mix aus politischer Radikalisierung, ästhetischer Moderne und urbaner Décadence den historischen Succus lieferte.

Wie sich wohl eine populärkulturelle Umsetzung der sozialpolitischen Ereignisse ausnehmen würde, die zur selben Zeit in Wien stattfanden? „Babylon Wien“ ist jedenfalls eine groteske Vorstellung. Jazz, Drogen, Nachtleben und genderfluide Erotik zählen definitiv nicht zu den Primärassoziationen, die man mit der Metropole verbindet, die in der Dämmerstunde der Habsburgermonarchie immerhin die fünftgrößte der Welt war: „Das Rote Wien versuchte gegen die kapitalistische Dynamik der roaring twenties auf der einen und gegen ,revolutionäre Ungeduld‘ (Otto Bauer) auf der anderen Seite die Kontinuität und Stetigkeit eines auf längere Perspektive gegründeten Aufbauwerks zu setzen.“ Zu diesem Schluss kommen Gottfried Pirhofer und Reinhard Sieder in ihrem bahnbrechenden sozialhistorischen Aufsatz „Zur Konstitution der Arbeiterfamilie im Roten Wien“ (1982).

In Konkurrenz zum City-Branding „Weltstadt Berlin“ wird die Marke des „Roten Wien“ als der „erste(n) von den Arbeitern beherrschte(n) Großstadt“ übrigens erst stark zeitverzögert entwickelt. Das „Album vom Roten Wien“, 1947 von Hans Riemer, dem Pressechef der Stadt, herausgebracht, im Verlag Wiener Volksbuchhandlung Julius Deutsch & Co erschienen und im Vorwärts gedruckt, beschwört die heroischen Anstrengungen von damals und verspricht zugleich deren Fortsetzung. Auf 61 Fotoseiten werden vor allem die Pioniertaten auf dem Gebiet des Wohnbaus (25 Seiten) und des Gesundheits- und Fürsorgewesens (17) ins Bild gesetzt und nicht nur auf Deutsch, sondern in allen Sprachen der Besatzungsmächte erläutert.

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