Am Apparat Telefonkolumne

Wie hat die EU bei Glyphosat getrickst, Herr Burtscher?


Anruf: Anna Goldenberg
Politik | aus FALTER 03/19 vom 16.01.2019

Im Jahr 2015 stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Pestizid Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein, eine Risikobewertung der EU kam kurz darauf zum gegenteiligen Ergebnis. Wie kann das sein? Helmut Burtscher, Biochemiker bei der Umweltorganisation Global 2000, deckte 2017 auf, dass Teile der EU-Risikobewertung aus dem Zulassungsantrag der Firma Monsanto, die Glyphosat herstellt, abgeschrieben worden waren. Nun hat Burtscher im Auftrag von EU-Parlamentariern eine umfassende Studie dazu durchgeführt.

Herr Burtscher, was zeigt Ihre Studie, das Sie 2017 noch nicht wussten?

Dass das Copy and Paste in großem Umfang und systematisch erfolgte. Und wir haben klare Hinweise auf Täuschungsabsicht erkannt. In der Bewertung wurden sowohl unabhängige wie auch Industriestudien analysiert. Die Einschätzungen der unabhängigen Studien wurden von einer Literatur-Review genommen, die Monsanto gemacht hat; in der Einleitung wurde allerdings gesagt: Das sind unsere Bewertungen. Keine einzige dieser Studien wurde als zuverlässig oder relevant eingestuft.

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung hat diese Bewertung für die EU durchgeführt. Warum arbeitet es so unsauber?

Der Zulassungsantrag von Monsanto hat hunderttausende Seiten. Da mag es sein, dass die Behörde überfordert war. Dass Geld von Monsanto im Spiel war, glaube ich nicht einmal. Aber vielleicht glaube ich zu sehr an das Gute im Menschen.

Im November 2017 wurde Glyphosat in der EU erneut zugelassen. Gibt es keine umweltfreundlichen Alternativen?

Natürlich. In der europäischen Landwirtschaft wird Glyphosat verwenden, um Äcker vor der Aussaat von allem, was dort wächst, zu befreien. Biobauern behelfen sich mit mechanischer Bodenbearbeitung oder anderen Fruchtfolgen. Wenn es verboten wird, müssen erlaubte Grenzwerte in Lebensmitteln auf null heruntergesetzt werden. Es dürfte dann kein belastetes Soja mehr aus Übersee eingeführt werden. Die Tiermast in Europa müsste sich umstellen.

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FALTER 08/19
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