Buch der Stunde

Monster sind nicht nur die Superreichen

Kirstin Breitenfellner | Feuilleton | aus FALTER 03/19 vom 16.01.2019

Der Publizist Björn Vedder liebt Invektiven wider den Zeitgeist. In "Neue Freunde" (2017) legte er dar, warum Freunde auf Facebook tatsächlich echte Freunde sind, und lieferte damit gleichzeitig eine spannende und kluge Theorie der Freundschaft im Zeitalter des Narzissmus. Der Titel seines neuen Buchs "Reicher Pöbel" verbindet zwei auf den ersten Blick nicht zusammenpassende Begriffe, denn unter Pöbel versteht man gemeinhin unkultivierte, in der Masse gewaltbereite Menschen, vornehmlich gesellschaftlich Unterprivilegierte. Vedder meint damit aber jene Superreichen, denen eine in jüngerer Zeit stark anschwellende Kritik die Schuld am Elend der Welt gibt. Gerne wird dabei von dem einen reichsten Prozent gesprochen, dem 99 Prozent der Weltbevölkerung als (relativ) Arme gegenüberstehen. Hinter der berechtigten Kritik, so Vedders These, steckt aber auch der Versuch, von den eigenen Privilegien abzulenken, denn die wohlhabendsten zehn Prozent der Weltbevölkerung leben vornehmlich in den Industrienationen und benehmen sich gegenüber dem Rest der Welt nicht weniger egoistisch -und das sind (beinahe) wir alle.

Im Rückgriff auf Theorien des Frühkapitalismus und auf Hegel versucht Vedder zu zeigen, dass der Kapitalismus als Verrechtlichung des ökonomischen Eigeninteresses per se dazu angetan ist, extrem Vermögende hervorzubringen -die, frei von den zivilisierenden sozialen und sittlichen Banden, zum wohlstandsverwahrlosten, antisozialen Pöbel mutieren.

Mit dem Finger auf diese "Monster" zu zeigen decouvriert er als heuchlerischen, kompensatorischen Humanismus, der Auswirkungen von Strukturen auf Personen projiziere und damit ein System stabilisiere, von dem man hoffe, weiterhin profitieren zu können. Empörung ersetzt dabei politisches Handeln, derweil sich der reiche Pöbel unter Rechtspopulisten wie Donald Trump oder Viktor Orbán mit dem armen Pöbel verbündet.

Vedders kluges Buch ist ein Augenöffner -und eine gute Gelegenheit, sich wieder einmal an der eigenen Nase zu fassen.

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FALTER 08/19
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