Doris Knecht Selbstversuch

Was ist mit euch, junge Menschen?

Kolumnen | aus FALTER 05/19 vom 30.01.2019

Der Umstand, dass man mit überraschend vielen Menschen um die 40 und darunter befreundet ist, schmeichelt und schmückt, kommt aber auch mit ordentlich Ballast daher. Über dem letzten 40. Geburtstag eines Freundes schwebte ein herzförmiger Glitzer-Ballon mit der Zahl 50, es gab wohl keine 40er-Ballone mehr, oder es war ein luftiger Wink der Angetrauten des Jubilars, sich öfter seiner Jugendlichkeit zu erinnern, whatever. Die anderen 40er zeigten lachend mit Fingern auf den Ballon. Die 50er: Was ist daran witzig? Die 26-jährigen: Was ist ein 50?

Aber das Herz stimmte; und der ganze Abend war ein schöner Beweis, dass man auch viele richtige Lebensentscheidungen getroffen hat, zum Beispiel mit möglichst vielen Musikerinnen und Musikern befreundet zu sein: Spätestens ab Mitternacht wird gesungen, Gitarren werden über Köpfe weitergereicht, Schlagwerke entstehen aus artfremden Gerätschaften, und es kann ja jeder singen, irgendwie. Es war ein zauberhafter Anlass innerlicher Erwärmung, auch wenn ich mich nun allmählich doch etwas zu erwachsen fühle für Gummibärlitorte, was mich nicht daran hinderte, sie zur Hälfte aufzuessen.

Und es war wieder zu bemerken, dass die jungen Menschen, jedenfalls diese hier, nicht besonders tanzaffin sind, na, lieber nicht, ich tanze aus Prinzip nicht. What? Und wozu? Fiel mir schon zu Silvester auf. Was ist mit euch, junge Menschen! Der Fluch des 40-Seins wahrscheinlich, man glaubt noch, man hätte was zu verlieren, Coolness, Reputation und, äh, Coolness. Ich aber sage euch: Hier irrt ihr, Jungmenschen, wenngleich es sonst an dem Abend nichts zu bemängeln gab, lasst uns das so weitermachen, bis wir 100 sind, bittedanke.

Den 50er-Herzluftballon erkannte ich anderntags auf Instagram wieder, er war wohl in Lüfte entlassen und dann, offensichtlich ein übereifriger Karmapolizeieinsatz, brutal von einem Ast gestoppt worden, nun hängt er in einem Baum vor dem Fenster des Jubilars, ein stetes Fanal der Vergänglichkeit.

Insgesamt trifft man sich derzeit überhaupt gern an Orten mit möglichst lauter Luft, wo man nicht reden kann, oder im Kino, wo man nicht reden darf, Hauptsache, man muss sich nicht über die politische Gegenwart unterhalten, weil das fast stets in völlige, raumgreifende Resignation mündet. Niemand hat gedacht, dass es so schlimm werden wird, so quälend, so ungerecht, so hinterfotzig. Niemand hat gedacht, dass so viele, ganz besonders auch in der ÖVP, so stumm abnicken werden, mit welcher Wucht, Ausdauer und Brutalität die Demokratie angegriffen wird und die Institutionen, die sie stützen und schützen. Und wie jetzt tatsächlich der Rechtstaat infrage gestellt wird, etwas, das eben noch undenkbar war. Aber he, der Kanzler hat den Innenminister angerufen, alles ist okay. Ja, klar.

Die Hysteria ist ein Lichtblick, die Leute, die trotzdem weitermachen, mit dem, was sie für richtig halten, die Freundinnen, die Donnerstagsdemos und Singen in der Nacht.

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FALTER 07/19
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