In eigener Sache

"Die Verzweiflung, die wir fühlen": Der tote Winkel und die Verkehrspolitik

Der Falter Verlag trauert mit den Eltern und Hinterbliebenen von Henry. Es braucht nun dringend eine Reform

FLORIAN KLENK ist Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter | Meinung | aus FALTER 07/19 vom 13.02.2019

Henry ist tot. Der neunjährige Sohn unseres Kollegen Josef Redl wurde vergangene Woche von einem rechts abbiegenden Lastwagen erfasst. Der Unfall ereignete sich vor einer Schule in Wien-Landstraße, auf dem Schutzweg. Der gesamte Falter Verlag trauert mit den Eltern und Hinterbliebenen. Unser Schock, unsere Trauer, unser Mitgefühl machen uns hilflos und stumm. Wir sind persönlich, privat betroffen von der ausweglosen Verzweiflung unseres Freundes und seiner Familie.

Öffentlich aber stellen wir eine politische Frage. Eine Frage, die der Nationalrat, die Speditionsunternehmen, die Stadt Wien beantworten sollen: Hätte Henrys Tod verhindert werden können? Unsere Antwort lautet: Ja. Hätte der Lastwagen, der Henry erfasste, einen sogenannten "Abbiegeassistenten" verpflichtend eingebaut gehabt, wäre der Lkw-Fahrer beim Blinken mit einem Pieps vor dem parallel neben ihm auf dem Roller fahrenden Kind gewarnt worden. Es hätte keinen sogenannten "toten Winkel" mehr gegeben.

Henry ist nicht das einzige Opfer, das von einem abbiegenden LKW getötet wurde. Immer wieder werden solche "Unfälle" in den Chronikspalten kurz vermeldet. So, als seien es Schicksalsschläge, gegen die wir machtlos wären.

Rund 200 Unfälle mit tödlich oder schwer verletzten Radfahrern wären alleine in Deutschland zu verhindern, wie Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), vergangenes Jahr in der FAZ vorrechnete. Der Aktivist und Journalist Helge Fahrnberger rief deshalb vergangene Woche zu Mahnwachen auf. Sie sollten an jenen Tatorten stattfinden, wo Lkw Menschen überrollten.

Am 26. Juni 2015 überrollte ein Lkw-Fahrer in Wien Favoriten am Hauptbahnhof, Ecke Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße, eine 39-jährige Radfahrerin.

Und in der Barawitzkagasse, Ecke Hohe Warte, musste am 15. Jänner 2016 eine 51-jährige Frau bei einem Verkehrsunfall in Wien-Döbling auf einem Zebrastreifen das Leben lassen, weil sie von einem rechts abbiegenden Lkw überrollt und tödlich verletzt wurde.

Am 23. Mai 2016 wurde auf der Simmeringer Hauptstraße/Ecke Etrichstraße ein zehnjähriges Mädchen, das Grünlicht hatte, auf dem Radweg von einem abbiegenden Lkw übersehen und umgebracht.

Am 28. Jänner 2018 wurde zum Beispiel an der Ecke Hütteldorfer Straße/Neubaugürtel eine 19-jährige Fußgängerin beim Überqueren des Neubaugürtels von einem abbiegenden Lkw übersehen und tödlich verletzt.

Am 3. Dezember 2018 tötete ein Lastwagen an der Kreuzung Wattgasse/Ottakringer Straße eine 57-jährige Fußgängerin auf dem Schutzweg.

Josef Redl, Henrys Vater, hat sich deshalb vergangene Woche mit "gebrochenem Herzen", wie er schreibt, auch persönlich via Twitter an die Öffentlichkeit gewandt, um die wichtige Petition von Helge Fahrnberger zu unterstützen: "Vielleicht erspart diese Initiative anderen Menschen die Verzweiflung, die wir fühlen", schrieb er.

Zehntausende Bürger haben bei Redaktionsschluss schon unterschrieben. Verkehrsminister Norbert Hofer sicherte ausdrücklich zu, sich der Sache anzunehmen. Die Fachabteilung im Verkehrsressort arbeite mit Hochdruck.

Im Grunde ist es simpel: Die Politik soll den Lkw-Haltern endlich Abbiegeassistenten vorschreiben. Schon um wenige hundert Euro gibt es entsprechende Geräte. In Deutschland etwa haben sich schon die ersten Konzerne -etwa der Lebensmittelkonzern Edeka -freiwillig dazu verpflichtet, die Geräte einzubauen. Billa, Hofer, Spar, die MA 48 und alle großen Speditionen könnten dem Beispiel schon jetzt folgen. Die Wirtschaftskammer sendet bereits die ersten richtigen Signale.

Doch eine freiwillige Selbstverpflichtung wird nicht reichen. Denn bis jetzt haben sich in Deutschland erst 44 Betriebe zu Aufrüstungen entschlossen. Die Speditionen kalkulieren knapp auf Kosten der schwächeren Verkehrsteilnehmer. Dass ihre oft schlecht bezahlten und übermüdeten Lkw-Fahrer und Zusteller nach tödlichen Abbiegeunfällen zu 80 Prozent dauerhaft berufsunfähig sind, wird eingepreist. Wien könnte vorausgehen. Vorbild wäre London, wo nach einer Serie tödlicher Unfälle das "Safer Lorry Scheme" erlassen wurde. Die Einfahrt in die Stadt wurde nur noch jenen Lastwagen erlaubt, die eine Reihe von Sicherheitskriterien erfüllen. Nicht nur Abbiegeassistenten, auch bessere Seitenspiegel sind verpflichtend.

Es geht aber nicht nur um Abbiegeassistenten. Es geht um ein neues Framing für die Verkehrspolitik, zumal vor Schulen. Denn für Kinder sind Autos eine strukturelle Gefahr, sie rauben ihnen Autonomie, etwa einen selbstbestimmten Schulweg oder gar Raum zum Spielen. Umzusetzen wäre endlich auch die Vision einer kindertauglichen und fußgängerfreundlichen Stadt. Die Boulevardmedien wären ebenso wie die Opposition angehalten, nicht jeden geopferten Parkplatz als Skandal zu beklagen. Sie könnten zur Abwechslung auch einmal als Fürsprecher der Schwachen agieren.

Stellen wir eine allgemeine Frage: Wie wird öffentlicher Raum künftig verteilt? Warum sind 65 Prozent der Wiener Straßenflächen für stehendes und fahrendes Blech reserviert, während nur 27 Prozent der Wege mit Autos zurückgelegt werden und die Hälfte der Haushalte (nicht die reichere Hälfte!) gar kein Auto besitzt?

Verkehrspolitik ist, wie man hier erkennt, nicht nur ein Gerechtigkeitsthema, sie zeigt auch die Machtfrage in der Stadt auf. Aufgrund des von den Grünen durchgeboxten Umbaus der Mariahilfer Straße -den ÖVP, FPÖ und der Boulevard so massiv und mit Untergriffen gegen Maria Vassilakou bekämpft hatten -gab es dort um zwei Drittel weniger Unfälle. Man sieht also, wie heftig bekämpfte "urban transformations" auch für körperliche Sicherheit sorgen.

Graz etwa hat flächendeckend Tempo 30 eingeführt und seit 20 Jahren die Unfallzahlen massiv gesenkt. Wieso kopiert keine einzige größere Stadt im Land das Modell? Wieso fordern wir in der Stadt und auf dem Land nicht viel energischer jene Transformationen, die in Städten wie Madrid, Barcelona, Paris, London, New York zu bestaunen sind? Öffentlicher Raum wurde dem Auto weggenommen und allen anderen Nutzern gegeben. Es entstanden autofreie "Superblocks" in Barcelona, das rechte Seine-Ufer wurde ebenso autofrei wie der Times Square, die Oxford Street, die Madrider Innenstadt oder auch der Cheonggye Freeway in Seoul.

Die gute Nachricht: Wien hat in den letzten Jahren vieles richtig gemacht. Der scheidende grüne Planungssprecher Christoph Chorherr verweist auf viele Rückbauten, gerade auch vor Schulen, in denen etwa die Zufahrt durch Elterntaxis verboten werden soll. Die jährliche Opferzahl sinkt auch in Wien kontinuierlich. Vorvergangenes Jahr musste in Wien kein Kind im Straßenverkehr sterben. Die Todesrate aller Verkehrsteilnehmer hat sich in den letzten zehn Jahren auch in ganz Österreich um ca. 50 Prozent von fast 700 auf 400 reduziert, wie die Statistik Austria zeigt. Aber die Zahlen sind zu hoch: In Wien werden jedes Jahr zwischen 400 und 500 Kinder im Straßenverkehr teils schwer verletzt. Rund 600 Kinder wurden in den letzten 25 Jahren in Österreich im Straßenverkehr getötet. Fast 29.000 Kinder sind in den letzten zehn Jahren im Straßenverkehr in Österreich schwer verletzt worden. 29.000. Sie würden das Rapid-Stadion in Hütteldorf füllen. Man mag es sich nicht vorstellen.

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FALTER 08/19
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