"Das Ziel ist, den legalen Schwangerschaftsabbruch zu Fall zu bringen"

Regierungspolitiker fordern ein Verbot von Spätabtreibungen. Dann würden Abtreibungen massiv ansteigen, warnt der Gynäkologe Peter Husslein


Interview: Nina Horaczek

Stadtleben | aus FALTER 11/19 vom 13.03.2019


Foto: Heribert Corn

Kira Grünberg ist dabei. Die ehemalige Stabhochspringerin und Leichtathletin, die nun für die ÖVP im Parlament sitzt, unterstützt die Initiative ebenso wie Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) und Kardinal Christoph Schönborn. „Fairändern“ ist eine Petition, die späte Schwangerschaftsabbrüche bei massiven Fehlbildungen des Ungeborenen unter Strafe stellen möchte. Derzeit dürfen Ärzte aus schwerwiegenden medizinischen Gründen auch nach dem dritten Schwangerschaftsmonat eine Abtreibung durchführen. Dies sei eine „Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen“, heißt es in der Petition, die mittlerweile mehr als 55.000 Menschen unterzeichnet haben. Auch die türkis-blaue Regierung plant eine Enquete „zum Thema der eugenischen Indikation und zur Verhinderung von Spätaborten“, wie es im Regierungsprogramm heißt.

Der Falter hat den Gynäkologen Peter Husslein gefragt, welche Auswirkungen es hätte, wenn die Regierung sich dieser Forderung anschließt und späte Abtreibungen verbietet. Der Mediziner ist Chef der Frauenheilkunde der Universität Wien im AKH, wo jedes Jahr fast 2500 Babys zur Welt kommen, aber auch über 100 fortgeschrittene Schwangerschaften aus medizinischen Gründen beendet werden.

Nun beginnt die Regierung, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Vor kurzem haben sich Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) und danach auch Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) bei Professor Husslein über die derzeitige medizinische Praxis informiert.

Falter: Herr Professor, es gibt eine Initiative, die mehr als 55.000 Unterschriften zur Abschaffung der eugenischen Indikation gesammelt …

Peter Husslein: Einspruch! Es gibt keine „eugenische Indikation“.

Das steht aber in dieser Petition.

Husslein: Das ist ein demagogischer Begriff, den diese Personen ganz bewusst verwenden. Eugenik bedeutet, die Genetik der Bevölkerung ändern zu wollen. Das haben die Nationalsozialisten propagiert. Kein Mensch will das heute. Der korrekte Begriff lautet „medizinische Indikation“.

Könnten Sie das für Laien übersetzen?

Husslein: Eine Frau ist schwanger, freut sich auf ihr Baby und erfährt dann in der Ultraschalluntersuchung, dass ihr Ungeborenes unter Umständen massive Fehlbildungen hat. Das ist erst einmal ein Riesenschock. Dann werden weitere Untersuchungen gemacht, und wenn sich der Verdacht bestätigt, muss die Frau entscheiden, ob sie das Kind austragen möchte oder ob sie die Schwangerschaft auch nach dem Ende der Fristenlösung beenden will.

Wie entscheiden Sie als Arzt, ob das Kind abgetrieben werden darf?

Husslein: Das entscheide ich nicht alleine. Eine solche Entscheidung treffen Experten aus verschiedenen Bereichen gemeinsam. Da sind Gynäkologen, Kinderärzte, Genetiker, Spezialisten für kindliche Hirnfehlbildungen, Spezialisten für Ultraschall und Kernspintomografie mit eingebunden. Wir haben jeden Morgen eine Frühbesprechung, in der wir alle Fälle durchgehen. Bei so schwierigen ethischen Fragen wird im Team mit qualifizierter Mehrheit entschieden. Zum Schluss muss ich auch zustimmen, weil ich als Abteilungsvorstand die Letztverantwortung habe. Und natürlich wird jeder Fall ausführlich dokumentiert.

Wie sind Sie bei diesen Entscheidungen rechtlich abgesichert?

Husslein: Der Gesetzgeber hat eine sehr offene Formulierung gewählt. Im Gesetz steht, „wenn eine ernste Gefahr besteht, dass das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein werde“. Ein Schwangerschaftsabbruch ist aus meiner Sicht ein Unrecht. Aber in bestimmten Situationen gibt es auch ein Unglück, das entsteht, wenn ein Schwangerschaftsabbruch nicht durchgeführt wird. Dass Ärzte hier einen gewissen Ermessensspielraum haben, halte ich auch für richtig.

Wie gehen Sie mit diesem Spielraum um?

Husslein: Weil das ein sehr sensibles Thema ist, haben wir als Gesellschaft für Perinatologie – Perinatologen sind Ärzte, die für die Versorgung von Schwangeren und deren Föten zuständig sind – uns auf freiwilliger Basis Richtlinien gegeben. Erstens, und das ist ganz wichtig, wird eine solche Spätabtreibung immer nur auf ausdrücklichen Wunsch der schwangeren Frau durchgeführt. Sagt eine Frau, sie will das Kind trotz schwerer Fehlbildungen behalten, unterstützen wir sie natürlich. Zweitens: Eine medizinische Indikation liegt nur vor, wenn das Kind schwere Fehlbildungen hat. Da sprechen wir von massiven Herzfehlern oder Hirnfehlbildungen. Das wäre zum Beispiel der Anenzephalus, wo kein Gehirn angelegt ist, das Kind aber lebend zur Welt kommt. Die Lebenserwartung dieser Kinder beträgt nur wenige Stunden. Bei Kindern, die sofort nach der Geburt sterben, halte ich es für äußerst problematisch, diese Mütter aus ideologischen Gründen zu zwingen, gegen ihren Willen die gesamte Schwangerschaft auszutragen. Es gibt aber auch andere Fälle, wo wir anhand der Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft klar wissen, dass das Kind schwerstbehindert sein wird. Da muss man der Frau die Autonomie geben, selbst zu entscheiden. Wir haben uns in unseren Empfehlungen aber auch darauf geeinigt, dass mit dem Fortschreiten der Schwangerschaft das Lebensrecht des Kindes zunimmt und das Recht der Frau auf Autonomie abnimmt.

Was bedeutet das konkret?

Husslein: Nach der 22. Woche werden Abbrüche von uns nur in ganz gravierenden Fällen durchgeführt. Denn die 22. Schwangerschaftswoche ist jener Zeitpunkt, ab dem ein Baby unter gewissen Umständen auch außerhalb des Mutterleibs lebensfähig ist. Wir würden zum Beispiel kein Kind mit Trisomie 21, früher auch Down-Syndrom genannt, nach der 22. Woche abtreiben.

Was würde passieren, wenn der Gesetzgeber die medizinische Indikation tatsächlich streichen würde und Abtreibungen nur mehr in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten erlaubt wären?

Husslein: Dann würde sich die Zahl der Abtreibungen in Österreich in etwa verfünffachen. Das wissen diese Aktivisten entweder nicht, weil sie ahnungslos sind. Oder es ist ihnen egal.

Wieso würde mehr abgetrieben, wenn Ärzte die Schwangerschaften bei Fehlbildungen nicht mehr beenden dürfen?

Husslein: Während einer Schwangerschaft ist der erste Zeitpunkt, bei dem man Hinweise auf mögliche Fehlbildungen erhält, das sogenannte Ersttrimesterscreening im ersten Drittel der Schwangerschaft. Das wird zwischen der elften und 14. Schwangerschaftswoche gemacht. Diese Untersuchung ist zwar schon sehr gut, aber trotzdem stellen sich rund drei Viertel der Verdachtsfälle auf eine Fehlbildung im Laufe der weiteren Schwangerschaft als falsch heraus. Denn je weiter das Ungeborene entwickelt ist, desto bessere Prognosen können wir Ärzte machen. Derzeit können wir der Frau sagen, wir warten noch ein bisschen ab, machen weitere Untersuchungen und dann kann sie sich immer noch entscheiden. Wenn uns der Gesetzgeber diese Möglichkeit nimmt, wird ein großer Teil der Frauen, die mit einem solchen Verdacht konfrontiert sind, sagen, dann gehe ich lieber kein Risiko ein und treibe gleich ab, weil jetzt ist das noch legal. Wer die medizinische Indikation streicht, macht sich deshalb verantwortlich für das schuldhafte Versterben von sehr vielen gesunden Föten.

Der Arzt könnte aber auch sagen, da gibt es eine Auffälligkeit im Ultraschall, aber das ist kein Grund zur Panik, in den meisten Fällen ist nichts dran.

Husslein: In dieser Situation interessiert die Frau keine Statistik, sondern nur, ob ihr Kind gesund ist. Und der Oberste Gerichtshof hat klar entschieden, dass der pränataldiagnostische Ultraschall dazu dient, der Frau ihre Entscheidung für oder gegen das Kind zu ermöglichen. Es gibt mehrere Urteile, dass der Arzt haftet, wenn er so eine Fehlbildung, die erkennbar gewesen wäre, übersehen oder dazu falsch beraten hat und er deshalb lebenslang die Erhaltungskosten dieses behinderten Kindes finanzieren muss. Diese Urteile haben zum einen zu einer massiven Qualitätssteigerung bei Ultraschalluntersuchungen geführt. Zum anderen aber auch dazu, dass der Arzt bei einem Verdacht klipp und klar sagen wird, was dies im schlimmsten Fall für Auswirkungen haben wird. Aber ich unterstelle, dass es den Betreibern dieser Petition in Wirklichkeit um etwas ganz anderes geht.

Worum denn?

Husslein: Das Ziel ist, den legalen Schwangerschaftsabbruch zu Fall zu bringen. Die Fokussierung auf die medizinische Indikation ist nur ein Hilfsmittel, mit dem sie erreichen wollen, dass die Fristenlösung in Österreich abgeschafft wird. Ich halte das für völlig unrealistisch. Dieser ideologisch und religiös verbrämte Kampf gegen die medizinische Indikation und gegebenenfalls gegen die Fristenlösung wird auf dem Rücken von Frauen ausgetragen, denen es ohnehin schon schlecht genug geht, wenn sie mit der Diagnose konfrontiert sind, dass das Kind, auf das sie sich so sehr freuen, schwere Fehlbildungen hat. Ein Ende der medizinischen Indikation wird aber auch zu einer sozialen Diskriminierung führen.

Inwiefern?

Husslein: Wer es sich leisten kann, wird einen Spätabbruch im Ausland durchführen lassen. Frauen, die kein Geld haben, werden das Kind hingegen gegen ihren Willen bekommen müssen. Und es sind nun einmal die Frauen, die in vielen Fällen übrig bleiben. Denn aus Studien wissen wir, dass viele Männer es oft nicht schaffen, mit der Situation, ein schwerstbehindertes Kind betreuen zu müssen, klarzukommen und am Ende sitzt die Frau alleine da.

Weiß man eigentlich, wie hoch die Zahl von medizinisch indizierten Spätaborten ist?

Husslein: Ich habe dazu valide Zahlen aus ganz Österreich gesammelt. Österreichweit gab es bei insgesamt etwa 87.600 Lebendgeborenen im vergangenen Jahr etwa 380 medizinisch indizierte Abtreibungen ab der 15. Schwangerschaftswoche und von diesen waren knapp mehr als 50 sogenannte Fetozide.

Was ist das?

Husslein: Wir unterteilen die sogenannten Spätaborte in zwei Stadien: zum einen jene zwischen der 15. und der 21. Schwangerschaftswoche. Da erhalten die Frauen ein Medikament, das zum Abstoßen der Leibesfrucht führt. Die Frau bekommt Wehen, das Kind stirbt im Mutterleib und die Leibesfrucht geht ab. Ab der 22. Schwangerschaftswoche ist das Kind theoretisch lebensfähig. Wenn es da lebend zur Welt kommt, sind wir juristisch verpflichtet, alles medizinisch Mögliche zu tun, um dieses Leben zu erhalten. Es macht aber keinen Sinn, eine Abtreibung wegen massiver Fehlbildungen durchzuführen, um dann das Kind lebend zur Welt zu bringen und auf die Intensivstation zu legen. Deshalb wird ab der 22. Schwangerschaftswoche ein sogenannter Fetozid durchgeführt, das bedeutet, das Ungeborene wird zuerst im Mutterleib getötet und kommt erst danach als Totgeburt zur Welt.

Was genau machen die Ärzte da?

Husslein: Man führt mithilfe des Ultraschalls eine Nadel in das Herz des Kindes oder in die Nabelschnur und injiziert Kaliumchlorid. Dadurch stirbt das Kind binnen kürzester Zeit.

Das klingt sehr brutal.

Husslein: Das ist eine furchtbare Situation für alle Beteiligten, aber wir versuchen, die Frau in dieser Zeit bestmöglich zu unterstützen. Ich wiederhole: Das passiert nur in gravierenden Fällen und ausschließlich auf Wunsch der Mutter. Das ist auch keine Entscheidung, die die Frau in der Sekunde trifft. Da werden zuerst Untersuchungen gemacht und Befunde erstellt, es gibt viele Gespräche und auch eine psychologische Begleitung. Und wir geben der Frau beziehungsweise den Eltern auch die Möglichkeit, sich von ihrem Kind zu verabschieden.

Abtreibungsgegner sagen, das Kind im Mutterleib würde bei solchen Spätabtreibungen furchtbare Schmerzen erleiden.

Husslein: Das ist in manchen Fällen nicht ganz falsch. Beim Fetozid stimmt das nicht. Da spürt das Kind den Stich ins Herz, ist danach aber binnen kürzester Zeit tot. Beim medikamentösen Schwangerschaftsabbruch zwischen der 15. und 21. Woche leiden die Kinder hingegen schon. Da kriegt die Mutter Wehen, die Kinder haben schwere Durchblutungsstörungen und versterben letztendlich am Sauerstoffmangel. Diese Kinder leiden.

Warum macht man das nicht anders?

Husslein: Ich habe schon vorgeschlagen, auch bei diesen Kindern einen Fetozid durchzuführen. Aber das lehnen die betroffenen Frauen nahezu immer aus psychologischen Gründen ab. Sie wollen nicht zusehen müssen, wie dem Kind mit der Nadel ins Herz gestochen wird.

Kann jeder Gynäkologe einen solchen Fetozid in seiner Praxis durchführen?

Husslein: Wenn man das Gesetz betrachtet, ja. Obwohl ich davon ausgehe, dass Fetozide jenseits der 22. Schwangerschaftswoche nur in den großen Kliniken durchgeführt werden. Aber man sollte darüber nachdenken, wie man hier das Gesetz klarer auslegen könnte. Zum Beispiel könnte das Gesundheitsministerium per Verordnung festlegen, dass Fetozide nur in dafür geeigneten Kliniken und nur bei psychologischer Begleitung der Frau durchgeführt werden dürfen. Genauso wie man an der Fristenlösung an der einen oder anderen Schraube drehen könnte.

An welchen Schrauben wollen Sie da drehen?

Husslein: Ich halte zum Beispiel eine gewisse Wartefrist für sinnvoll. Nach dem Schock, ungewollt schwanger zu sein, ist es wichtig, dass die Frau Zeit hat, zur Ruhe zu kommen, um dann bewusst eine Entscheidung zu treffen. Ebenso wie die Forderung nach einer Abtreibungsstatistik. Es ist immer besser, eine Diskussion auf Basis valider Zahlen zu führen – aber das natürlich nur, wenn die Anonymität der Frauen absolut gewährleistet ist.

Kommen wir zurück zum Thema Spätabtreibungen: Der stellvertretende FPÖ-Chef Norbert Hofer, der die Initiative „Fairändern“ unterstützt, hat 2015 gesagt: „Abtreibungen aufgrund der eugenischen Indikation …“

Husslein: … es gibt keine „eugenische Indikation“!

Ja, aber das waren Hofers Worte.

Husslein: Aber dieser Ausdruck ist Polemik und völlige Absicht, unter Umständen sogar, um uns Ärzte in dieser Frage ins Nazi-Eck zu stellen.

Hofer behauptete, Ärzte wie Sie könnten noch wenige Minuten vor der Geburt nur bei einem Verdacht auf eine Behinderung ein Kind abtreiben.

Husslein: Das ist eine absichtlich unpräzise Zitierung des Gesetzestextes, und ein Politiker wie Hofer sollte das besser wissen. Im Gesetz steht nicht „Verdacht“, sondern „ernste Gefahr“, dass das Kind schwer geschädigt sein würde. Mich ärgert an dieser Diskussion auch, dass so getan wird, als würden wir Ärzte behinderte Kinder diskriminieren. Wenn ich eine Schwangerschaft aus einem medizinischen Grund beende, wird deshalb kein einziges Kind, das mit einer Behinderung zur Welt kommt, schlechter behandelt. Was diesen Kindern und ihren Eltern wirklich helfen würde, wäre endlich eine bessere Unterstützung vom Staat und von der Gesellschaft. Diese Unterstützung gibt es nämlich weitgehend nur auf dem Papier. Das sind potemkinsche Dörfer. In Wirklichkeit werden diese Frauen mit ihren schwerbehinderten Kindern im Stich gelassen.


Zur Person

Peter Husslein, 66,

studierte Medizin in Wien und arbeitete nach seinem Studium in Österreich, Togo und New York. 1992 wurde er zum Professor für Geburtshilfe und Gynäkologie am AKH ernannt. Er ist Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde sowie Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

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FALTER 16/19
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