Zu Besuch bei Caroline, der stärksten Frau des Landes

Seit 20 Jahren ist Caroline Wang Österreichs erfolgreichste Bodybuilderin. Der Preis dafür: Ein Körper fernab des gängigen Schönheitsideals und Blicke, die sie in der Provinz unweigerlich auf sich zieht

Porträt: Verena Randolf
Landleben, FALTER 11/19 vom 13.03.2019


Caroline Wang, 38, Bodybuilding-Staatsmeisterin, lebt in Ebenthal nahe Klagenfurt
(Foto: Daniel Bruckner)

Im Garten der stärksten Frau des Landes stehen Gartenzwerge. Das kommt überraschend. Caroline Wang steht unter dem Vordach eines Mehrfamilienhauses in Ebenthal, einer knapp 8000 Einwohner großen Gemeinde in Kärnten, nahe Klagenfurt. Es regnet in Strömen, sie trägt Hosen in Camouflage-Optik und ein schwarzes Shirt, das sich um die Muskeln an ihren Schultern spannt. Auf ihrem rechten Oberarm reißt ein Tiger sein Maul auf, ein Tribal ziert ihren Hals. Sie lächelt unsicher, aber freundlich und streckt ihre kräftige Hand zur Begrüßung aus. Es ist eine kleine Hand, fleischig und stark. Keine Angst vor Augenkontakt: „Ich hätte dich sofort wiedererkannt!“, sagt sie.

Caroline Wang ist die bekannteste Bodybuilderin des Landes. Staatsmeisterin. Doppelte Weltmeisterin. Was man gewinnen kann, hat sie gewonnen. Der Preis: Ein Körper fernab des gängigen Schönheitsideals und Blicke, die sie in der Provinz unweigerlich auf sich zieht. Wie es ist, aus dem strengen Raster der Norm zu fallen. Und Opfer zu bringen für einen Lebenstraum, der sich irgendwann vielleicht nicht mehr erfüllt. Wann ist es Zeit, diesen Traum aufzugeben? Mit 38?

In einer meiner letzten Erinnerungen an „Caro“ steckte sie meinen kleinen Bruder und mich in eine Mülltonne. In der Straße, in der wir Tür an Tür wohnten und die gerade noch mit beiden Enden im unauffälligen Stadtteil St. Peter lag und nicht im Klagenfurter Problembezirk Fischl. In den 1990ern hatte die Stadtregierung bereits auf Recycling gesetzt; wir saßen meist im Altpapier, selten im Restmüll. Das „Ben Hur“ der Klagenfurter Vorstadtkinder: Die Kleinen saßen in der Tonne, die Großen liefen so schnell sie konnten und schoben die Container um die Wette. Nach den Rennen zupften wir uns Papierln und Obstschalen aus den Haaren, selten stiegen wir ohne Beulen aus, aber den Bauch vor Lachen hielten wir uns immer.

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