Verkopftes Psychodrama: "Der Boden unter den Füßen"


Filmkritik: Sabina Zeithammer

Feuilleton | aus FALTER 12/19 vom 20.03.2019

Lola ist Ende 20, trägt Kostüme und High Heels wie eine Bewaffnung und arbeitet manchmal 48 Stunden am Stück. Die Wiener Unternehmensberaterin weilt für ein Projekt in Rostock: Kühl ist die Sprache, derer man sich bedient, "leider geil" die Macht, eine Firma umzustrukturieren, ein Geheimnis das Verhältnis zwischen Lola und ihrer Vorgesetzten Elise (Mavie Hörbiger).

In "Der Boden unter den Füßen" beschäftigt sich Marie Kreutzer mit einem Beruf, in dem man sich keine Schwäche erlauben darf, in ständiger Kampfbereitschaft sein muss. Und als Frau, wird Lola erfahren, erst recht.

Doch das ist nicht alles, wovon die österreichische Drehbuchautorin und Regisseurin erzählt. Lola hat eine Schwester, die an paranoider Schizophrenie leidet. Nach einem Suizidversuch Connys (Pia Hierzegger) beginnt sie, zwischen Rostock und Wien hin-und herzujetten. Doch die nüchterne Professionalität, die sie längst verinnerlicht hat, hilft ihr im Fall der bedrückenden Familiensituation nicht weiter.

Und auch das ist noch nicht alles: Als der Druck auf Lola steigt, bekommt sie selbst psychische Probleme. Der titelgebende Boden unter den Füßen geht nicht nur ihr, sondern auch dem Kinopublikum verloren, das eine Zeitlang nicht weiß, was Realität und was Einbildung ist. Kreutzer arbeitet hier mit dräuender Musik und sanften Gruselelementen.

Langsam wird offensichtlich, dass dieser von großer Ernsthaftigkeit geprägte Film nicht zu einem Werk mit klarer Richtung zusammenwächst. Keiner der Erzählstränge, die Kreutzer gleichzeitig verfolgt, hat ausreichend Luft; immer wieder kippt die Handlung ins Schablonenhafte.

Es gibt Kritiken, die "Der Boden unter den Füßen" mit "Toni Erdmann" (2016) vergleichen. Doch wo dort am Ende ein großes, unbestimmtes Unbehagen herrscht, stehen die Themen bei Kreutzer verkopft nebeneinander. Das Interessanteste an ihrem Film bleibt Hauptdarstellerin Valerie Pachner, deren Gesicht in vielen Großaufnahmen studiert wird.

Ab 22.3. in den Kinos

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FALTER 16/19
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