" Den nehmen wir hier sicher nicht"

Ein Asylwerber ersticht einen Sozialamtsbeamten, als Reaktion will die Regierung die präventive Sicherungshaft einführen. Neue Akten erzählen die ganze Geschichte hinter der Dornbirner Bluttat

Recherche: Barbara Tóth (Falter), Michael Prock (VN)
Politik, FALTER 13/19 vom 27.03.2019


Foto: Screenshot, Archiv

Am 6. Februar 2019 gegen 15 Uhr marschiert Soner Ö., 1985 in Vorarlberg als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren, vierfacher Familienvater, in die Bezirkshauptmannschaft Dornbirn, fährt mit dem Lift in den letzten Stock, geht an der Sekretärin vorbei in das Büro des Leiters der Sozialabteilung Alexander Alge, 1969 in Vorarlberg geboren, zweifacher Familienvater, Eishockey- und Fußballfan, und tötet ihn durch mehrfache Stiche mit einem handelsüblichen, langen Küchenmesser. Knapp zwei Monate zuvor hat sich Soner Ö. aus der Türkei nach Österreich schleppen lassen. Zwei Wochen zuvor hat er einen Antrag auf Aufnahme in die Grundversorgung gestellt, wenige Stunden vor der Tat hat er sich noch bei Alexander Alge darüber beschwert, dass er so lange auf seine erste Überweisung warten muss.

Die Bluttat von Dornbirn schockte ganz Österreich. Wer den Fall Soner Ö. zur Gänze verstehen will, muss zwei weitere Ereignisse mit dem Attentat verknüpfen.

Am 6. Februar 2009, exakt zehn Jahre vor dem mutmaßlichen Mord an Alge, wird Soner Ö. im Auftrag der Bezirkshauptmannschaft Dornbirn in Begleitung von Schweizer Polizeiorganen über Zürich nach Istanbul abgeschoben. Soner Ö. ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt und ein trauriges Beispiel dafür, wie Integration nicht funktioniert, auch wenn er den melodiösen Dialekt seiner Heimatstadt Lustenau spricht. Er wurde 15-mal wegen Eigentums-, Gewalt- und Drogendelikten verurteilt. Die Behörden sehen ihn als klassischen Rückfalltäter an, als einen, der die öffentliche Sicherheit gefährdet und dem die Verbundenheit mit Österreich fehlt. Bis 2005 durften in Österreich Multikriminelle wie Soner Ö., die im Land geboren und aufgewachsen sind, nicht abgeschoben werden. Polizei, Gerichte, Sozialarbeiter, Gefängnisse mussten mit ihnen fertigwerden. 2005 wurde das Fremdengesetz novelliert.

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