Gib mir mein Kind zurück: Andrea Breth inszeniert "Die Ratten"


THEATERKRITIK: SARA SCHAUSBERGER

Feuilleton, FALTER 14/19 vom 03.04.2019

Die Ratten" beginnen mit einem Knall. Der Eiserne Vorhang fährt in die Höhe und gibt den Blick frei auf die Drehbühne, die sich im kühlen Neonlicht dreht. Der Boden ist mit raschelndem Zeitungspapier bedeckt, mittendrin stehen still und stumm überdimensionale Ratten, hinter Plexiglaswänden leben Menschen auf versifften Matratzen (Bühne: Martin Zehetgruber).

Mit der Inszenierung von Gerhard Hauptmanns Drama verlässt Regisseurin Andrea Breth das Burgtheater. Unter dem nächsten Intendanten, Martin Kušej, wird sie nicht am Haus arbeiten. Es ist ein würdiger Abschied geworden, großes Schauspieltheater mit einem großartigen Ensemble.

Johanna Wokalek spielt Frau John, die sich so sehr ein Kind wünscht, nachdem ihr Baby mit nur acht Tagen an Diphterie gestorben ist. Da kommt das Dienstmädchen Pauline (Sarah Viktoria Frick) gerade recht. Sie erwartet ein uneheliches Kind und ist verzweifelt. Frick macht aus dem körperlichen Schmerz der Schwangeren auch einen seelischen. Wie sie sich den Bauch hält, den Körper krümmt, laut atmet, zeugt nicht von freudiger Erwartung, sondern von tiefstem Leid. Als Frau John ihr das Neugeborene abkauft, ist allerdings nicht alles gut, sondern es wird nur immer schlimmer. Pauline bereut und Frau John fürchtet, sie könnte das Kind wieder verlieren. Kurz durfte das Glück durchschimmern, dann befällt "die John" ein schleichender Wahnsinn.

Hauptmann hat seine Sozialkritik in einem ärmlichen Mietshaus angesiedelt, auf dessen Dachboden der Theaterdirektor Hassenreuter (Sven-Eric Bechtolf) seinen Theaterfundus hat. Der selbstherrliche Theatermensch symbolisiert die bürgerliche Antipode zu den armen Elenden, wenn er auftritt, läuft im Hintergrund leise Musik. Die Szenen rund um ihn, seine Tochter und seine Schauspielschüler sind witzig, aber nur ein bisschen. In Breths hoffnungsfreier Inszenierung wird nämlich niemand erlöst, auch nicht das Publikum. Die Welt bleibt graublau und kalt.

Burgtheater, 8. und 13.4.

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FALTER 21/19
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