Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Livemoment der Welt der Woche


Lukas Matzinger

Feuilleton, FALTER 15/19 vom 10.04.2019

Es gibt Momente im Leben eines Künstlers, die er wie einen Pokal nach Hause mitnehmen, als Wertsache verstauen und bei Bedarf rausholen und andächtig anschauen kann. Im Leben der österreichischen Sängerin Anja Plaschg war der vergangene Donnerstag, 22.42 Uhr, so ein Moment.

An diesem Abend spielte sie als Soap&Skin im großen Saal des Wiener Konzerthauses die erste Show ihrer Tour. Dort, wo sie hingehört. Einmal bleischwer, dann wieder federleicht führte Plaschg 100 Minuten lang durch die aufregendsten ihrer Lieder, die schönsten Coverversionen und vor allem das aktuelle Album "From Gas To Solid /You Are My Friend".

Die Streicher, Bläser und Schlagwerker ihrer Band waren dunkel gekleidet, dazwischen schwebte Plaschg in Weiß. Die Präzision des Vortrags war ein Beleg für ihre Detailliebe und das Können des Tonmeisters Markus Wallner. Die Musik ging durch Mark und Bein, lief wie eine eiskalte Dusche auf das Publikum hinab. Plötzlich erscheint sie auf dem Balkon und bedient die Konzerthausorgel.

Und dann, um 22.42 Uhr, steht sie am Ende ihres vorletzten Liedes, der magnetischen Velvet-Underground-Hymne "Pale Blue Eyes" in der Mitte der großen Bühne. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Da bricht Soap&Skin die unerträgliche Spannung. Sie erkennt jemanden im Publikum, beginnt herzhaft zu lachen, hält sich die Hand vor den Mund und erteilt einen Luftkuss.

Das Lied endet, das Publikum hüllt sich in Gänsehaut, Menschen springen auf, manche schauen so entgeistert, als hätten sie bei "Nur die Liebe zählt" nach 25 Jahren ihren Vater wiedergesehen.

Zu diesem Abend gibt es keine zwei Meinungen. Anja Plaschg lud zur Messe und weihte sich zur Päpstin.

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FALTER 20/19
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