"Was bist du für ein Mensch?"

Anita Lasker-Wallfisch spielte Cello im Frauenorchester von Auschwitz. Ein Gespräch über das Überleben und die Musik in der Todesmaschinerie


Interview: Stefanie Panzenböck

Feuilleton, FALTER 15/19 vom 10.04.2019


Foto: Heribert Corn

Anita Lasker-Wallfisch, 93, wollte schon immer Cello spielen. Als Kind nahm sie sich einen Besen und tat, als hielte sie das Instrument in Händen. Ihre Eltern schickten sie zum Unterricht. Es war eine heile Welt, in der Anita mit ihren Schwestern Renate und Marianne aufwuchs. Der Vater, Rechtsanwalt, die Mutter, Geigerin, legten Wert auf Bildung. Am Samstag nach dem Essen las die Familie Klassiker, am Sonntag wurde nur Französisch gesprochen. Sie lebten in Breslau, das damals noch zu Deutschland gehörte.

Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, endete das Idyll der jüdischen Familie. Im Jahr 1942 wurden die Eltern deportiert und getötet, die älteste Tochter, Marianne, war gerade in England und blieb dort bis zu ihrem Tod 1952. Renate und Anita kamen ins Gefängnis, dann nach Auschwitz, später nach Bergen-Belsen. Sie überlebten. Anita, weil sie als Cellistin in die Lagerkapelle aufgenommen wurde, Renate, weil sie, kurz bevor sie getötet werden sollte, erwähnte, dass sie die Schwester der Cellistin sei. Ein SS-Mann versetzte ihr einen Tritt und bugsierte sie so auf die andere Seite zu jenen, die noch nicht in die Gaskammer mussten.

Alma Rosé, eine österreichische Jüdin, leitete das Frauenorchester in Auschwitz-Birkenau. Sie rettete das Leben vieler, weil sie sie in die Kapelle holte. „Wenn wir nicht gut spielen, werden wir ins Gas gehen“, sagte sie den Musikerinnen. In der Nacht von 4. auf 5. April 1944 starb sie an einer Vergiftung. Die Umstände sind bis heute nicht geklärt. Um der Retterin zu gedenken, kam Lasker-Wallfisch vergangene Woche nach Wien. Das Haus der Geschichte Österreich widmet Alma Rosé seine erste Sonderausstellung.

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