"Habt keine Angst vor der Moderne"

Biolandbau und Hightech? Für den Agrarwissenschaftler Urs Niggli die einzige Option, wenn Bio überleben soll


Interview: Eva Konzett

Landleben, FALTER 16/19 vom 17.04.2019


Foto: Heribert Corn

Urs Niggli hat schon einen halben Arbeitstag hinter sich, dabei ist es erst kurz nach acht. Um vier ist der Schweizer aufgestanden, „wegen der Differenz zwischen dem, was ich noch machen will, und der Zeit, die ich noch habe“, wie er sagt. Wenn es um ökologische Landwirtschaft geht, ist Niggli einer der renommiertesten Wissenschaftler der Welt. Und wenn es nach Niggli geht, muss die Biolandwirtschaft technologisch aufrüsten, wenn sie künftig gegenüber der konventionellen Landwirtschaft bestehen will. Der Direktor des Schweizer Forschungsinstituts für den Biologischen Anbau (FiBL) hat Bio einst aus der Nische geholt. Er berät die Welternährungsorganisation FAO und forscht am Max-Planck-Institut. Unter den Bioverbänden hat er sich mit seinen Ansichten nicht nur Freunde gemacht. Viele sehen ihre Prinzipien verraten. Zeit für ein Gespräch.

Falter: Herr Niggli, durch die große Dürre des vergangenen Jahres kann die Welt 2019 den Getreidebedarf nicht decken. Es fehlen 30 Millionen Tonnen. Überrascht Sie das?

Urs Niggli: Nein, das ist exakt das, was die Klimamodelle zeigen. Die Erwärmung hat einen starken Einfluss auf die Getreideernten. Weil es trockener ist und die Niederschläge unberechenbarer. Das gilt nicht nur für Länder wie Bangladesch, das sehen wir vor der Haustüre. In den Voralpen, das muss man sich einmal vorstellen, gibt es ganze Täler, wo es 2018 viel zu wenig geregnet hat. Das führt dann dazu, dass man da zu viele Kühe stehen hat, für die der Bauer Heu importiert oder Getreide zufüttert. Eine verkehrte Welt! Die Kuh ist ja fantastisch. Sie kann aus Gras Eiweiß und Energie erzeugen. Wiederkäuer sind die einzigen Tiere, die zwei Drittel der landwirtschaftlichen Fläche, die aufgrund der Bodenbeschaffenheit nicht gepflügt werden kann, in Lebensmittel umwandeln können. Wobei man sagen muss, dass aufgrund des ökonomischen Drucks, mehr Fleisch und Milch zu erzeugen, auch ohne Heuknappheit Getreide im Futtertrog landet. Ganz besonders schlimm ist das Billigsoja aus Brasilien.

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