Und die Erde tut sich auf

Die neue U5, die verlängerte U2: Wien hat sich eine U-Bahn-Erweiterung verordnet. Bevor die Massen transportiert werden können, muss erst die Stadt umgegraben werden. Zum Beispiel bei der Pilgramgasse

Schachtarbeiten: Eva Maria Konzett
Stadtleben, FALTER 17/19 vom 24.04.2019


Foto: GT Geotechnik und Tunnelbau/Wiener Linien

Da, wo vor kurzem noch die Menschen standen, vielleicht ein Kind herzend, wahrscheinlich ins Mobiltelefon starrend, sicher ungeduldig auf den U-Bahn-Zug wartend, öffnet sich jetzt die Erde, weicht der Asphalt. Rums. Die Baggerschaufel rüttelt im Boden nach links. Rums. Nach rechts. Rums. Geht kurz nach oben, lässt sich wieder nach unten fallen. Rums, rums. Doch der Brocken will sich nicht aus dem Stein lösen, sträubt sich noch, von dort wegzugehen, wo er die vergangenen 40 Jahre war. Letztlich ohne Erfolg. Stück für Stück trägt der Bagger den ehemaligen Bahnsteig der U4-Station Pilgramgasse Richtung Hütteldorf ab.

Wo sich vor vielen hundert Jahren die mittelalterliche Gemeinde Gumpendorf befand, wo am Ufer des Wienflusses gichtgeplagte Frauen bis ins 19. Jahrhundert Bügelstärke aus dem Weizen wuschen, wird bald in 30 Meter Tiefe die neue U2-Strecke an die U4 angebunden werden. „Wir schaffen gerade Platz für die Kollektoren“, sagt Martin Jatzko, der stellvertretende Projektleiter von den Wiener Linien. Zufrieden nickt er zum Bagger hinüber, wo gerade der nächste Brocken fällt. Jeweils ein Kollektor wird rechts und links unter der Gleisanlage sämtliche Leitungen, die Stromkabel und die Wasserrohre führen. „Was da durchläuft, wird die ganze U4 und die neue U2 am Leben halten“, sagt Jatzko. Man kann sich das wie die Kabeltasse in der eigenen Wohnzimmerdecke vorstellen. Nur so groß, dass fünf Menschen durchpassen.

Die U-Bahn-Baustelle Pilgramgasse an einem Vormittag im Frühling. Der Wind zieht unter die Jacke und den Schal. Es riecht nach frischem Beton, nach Feuchtigkeit, nach körperlicher Arbeit. Entlang der Spundwand, die sich wie eine eckige Stahlschlange durch den Boden zieht, rammen Bohrmaschinen Eisengitter in den Schlamm, die später mit Beton gefüllt den Untergrund stabilisieren werden. Hier wird quasi ein zehnstöckiges Hochhaus in die Tiefe errichtet.

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