Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Begriff der Welt der Woche


MATTHIAS DUSINI

Feuilleton, FALTER 19/19 vom 08.05.2019

In einer Gesellschaft ohne Tabus fällt erstaunlich häufig das Wort Scham. "Fremdschämen" etwa bezeichnet die Reaktion auf das peinliche Verhalten anderer. Populär sind auch Begriffe aus dem Englischen: "Public shaming" beschreibt die öffentliche Bloßstellung von Opfern, was bei den zahlreichen Berichten über sexuelle Übergriffe recht häufig vorkommt.

Frisch aus dem Neologismen-Ofen kommt nun ein Begriff, der einen bisher noch wenig erforschten Bereich des Schamismus bezeichnet: die Flugscham. Das Wort ist deshalb so gut, weil es das moralische Dilemma auf den Punkt bringt. Darf man in den Flieger steigen, obwohl man weiß, dass der dabei verbrauchte Sprit zur Erderhitzung beiträgt? Gerade Journalisten sausen viel in der Gegend herum, um ein Interview zu führen oder ein Theaterstück zu besuchen, und treiben dadurch die Apokalypse voran. Jetzt wissen sie, was sie dabei fühlen: Flugscham.

Erste Festivals und Universitäten haben damit begonnen, die Anzahl zurückgelegter Flugkilometer öffentlich zu machen und sich so von Mitbewerbern abzuheben. So wie man auf die Gleichbehandlung der Geschlechter und ethnischen Minderheiten achtet, wird der ökologische Fußabdruck schon bald zum Verhaltenscode von Unternehmen gehören. Die CEOs mit ihren Vielfliegerpässen werden dann hören: "Flugschämen Sie sich denn nicht?"

Ethnologen unterscheiden zwischen Schuld-und Schamkulturen. Wir leben eigentlich in einer Schuldkultur, in der Fehler durch innere Zerknirschung und Reue verarbeitet werden. In der japanischen Schamkultur hingegen gibt es kein Pardon, der Gesichtsverlust ist endgültig. Wenn man also wieder in das Flugzeug steigt, um eine unnötige Reise zu unternehmen, bleibt eigentlich nur ein Ausweg: Harakiri.

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FALTER 24/19
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