Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die beste Begegnung der Welt der Woche


STEFANIE PANZENBÖCK

Feuilleton, FALTER 20/19 vom 15.05.2019

Es war der 15. September 1840. Der 18-jährige Bakkalaureus Frédéric Moreau fuhr mit dem Schiff Ville-de-Montereau von Paris aus in seine Heimatstadt in der Provinz. Als er zu seinem Platz gehen wollte, sah er eine Frau, die er nie wieder vergessen sollte. "Es war wie eine Erscheinung."

Das ist der Anfang der ersten Begegnung zwischen Frédéric Moreau und Madame Arnoux in Gustave Flauberts Roman "Lehrjahre des Gefühls" (1869). Damit kündigt sich ein Verhältnis an, das nicht sein darf. Deren gibt es viele in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Ein junger Mann und eine ältere verheiratete Frau verlieben sich. Er, ungebunden und ungeduldig, sie gefangen im festen traditionellen Gefüge der höheren Gesellschaft, ständig in Gefahr, aufgrund dieser Liebe alles zu verlieren und geächtet zu werden.

Ganz so einfach ist es zwar in diesem Roman nicht, der kurz vor der Revolution 1848 ansetzt. Doch die Gewalt im Zwischenmenschlichen und Politischen, von der Flaubert in oft abgeklärter Sprache erzählt, schleicht sich zu Beginn mit großer Zartheit an. "Ihre schwarzen Haarsträhnen legten sich um die Spitze ihrer weiten Augenbrauenbögen, reichten tief hinab und schienen das Oval ihres Gesichts zärtlich zu bedrängen." Flaubert schreibt weiter: "Nie zuvor hatte er diesen Glanz ihrer braunen Haut gesehen, den Reiz ihres Wuchses oder diese Feinheit ihrer von Licht umflossenen Finger." Wie sehen Hände aus, die von Licht umflossen sind?

"Madame Arnoux' Blick schweifte ins Weite. Als die Musik verstummte, bewegte sie mehrmals die Augenlider so, als kehrte sie aus einem Traum zurück." Flaubert hat für uns diese Bilder erschaffen. Zwar können sie nur Verliebte sehen, doch in ihrer Flüchtigkeit bleiben sie uns ewig in der Sprache erhalten.

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FALTER 24/19
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