Festwochen I: Drei Tage im Mai, ein Stück auf Thai, Politik ist einerlei

THEATER KRITIK: MARTIN PESL
Feuilleton, FALTER 20/19 vom 15.05.2019

Wenn Sprechtheater aus fernen Kulturen zu Festivals eingeladen wird, besteht oft ein gewisser Exotismusverdacht. Werde ich es als Zuschauer nur von oben herab betrachten: "Aha, so ist das also in Thailand", oder wird mich der Inhalt auch direkt erreichen, gerade wenn ich auf Übertitel angewiesen bin? Zum Glück wird dieses Dilemma schon sehr früh in "This Song Father Used to Sing" von Wichaya Artamat angesprochen. Der Bruder in dem Geschwisterpaar, das sich alle paar Jahre zum Totengedenken an den Vater trifft, ist nämlich selbst Theatermacher. Im Dialog mit seiner Schwester ergibt sich ein lustiges Wortspiel auf Thai, sie schlägt ihm vor, es in sein nächstes Stück einzubauen. Der winkt ab: "Wie soll ich das denn bitte übertiteln?" Die Titel bemühen sich indes redlich um Erklärungen in eckigen Klammern.

Es ist nicht nur diese Umsicht, die das Stück des daheim preisgekrönten, in Europa noch unbekannten Artamat liebenswert macht. Auch die kleinen Konflikte der Geschwister, ihr unausgesprochener Kampf zwischen Einsamkeit und Kontaktunwilligkeit, schaffen Identifikationspotenzial. Und so ist dieser unaufgeregte Abend überraschend berührend. Der Bruder und die Schwester schweigen einander auch minutenlang an, dann sagen sie etwas Banales, streiten, wenn auch nicht heftig, welchen Tee, welchen Reis oder welches Lied ihr Vater am liebsten mochte. Fad wird das nie, weil man ihnen gern zusieht und weil die große Eskalation zwar nicht kommt, sich aber auch gar nicht ankündigt.

Dass die drei Maitage, an denen sie sich treffen, Stichtage für die thailändische Geschichte sind, erklärt das Programmheft (Alternativtitel: "Three Days in May"), ist aber fürs unmittelbare Verständnis nicht entscheidend, da sich die beiden selbst erschreckend wenig für Politik interessieren. Sie würden ja wählen gehen, versichern sie einander und widmen sich dann wieder irgendwelchen Basteleien oder dem Smartphone. Ein Phänomen, das wir nur zu gut kennen.

Theater Nestroyhof Hamakom, 20.-23.5.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

FALTER 24/19
Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Feuilleton-Artikel finden Sie in unserem Archiv.

Anzeige

Anzeige