"Journalisten sind die größten Huren"

Wem die Kronen Zeitung gehört. Und wie Heinz-Christian Strache bei deren Übernahme mitmischen wollte


Bericht: Josef Redl

Politik, FALTER 21/19 vom 22.05.2019


Foto: SZ, Spiegel

Zum Muttertag durfte sich Heinz-Christian Strache in der Kronen Zeitung von seiner besten Seite zeigen. Im bunten Sonntagsteil erschien ein Doppelinterview mit ihm und seiner Ehefrau Philippa, garniert mit Fotos aus dem Familienidyll mit Sohn Hendrik und Dogge Linda, über die Strache sagt: „Die Lindschi ist unsere Kuschelmaus.“ Der FPÖ-Parteichef schätzt die Kronen Zeitung und die Kronen Zeitung schätzt ihn. Die rechtspopulistische Politik der FPÖ entspricht der aktuellen Blattlinie. Mehr als zwei Millionen Leser machen die Kronen Zeitung zum größten journalistischen Machtfaktor Österreichs, kein Politiker kann auf sie verzichten. Um sich die Kronen Zeitung gewogen zu halten, füttern Amtsträger die Zeitung mit Inseraten und Exklusivgeschichten.

Strache wollte offenbar noch einen Schritt weiter gehen. Das zeigt sich auf dem Videomaterial aus Ibiza, das der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel übergeben wurde, und das vor der Veröffentlichung vom Falter eingesehen werden konnte. Ein Großteil der Gespräche zwischen Strache, seinem Parteifreund Johann Gudenus und einer vorgeblichen russischen Oligarchennichte drehte sich um den Erwerb der Kronen Zeitung.

Strache wollte bei dem Plan zur Übernahme von Österreichs größter Tageszeitung nicht nur Zuschauer sein. Der damalige Oppositionspolitiker bot sich als Vermittler für den Kauf des Hälfteanteils der Kronen Zeitung an, der sich damals im Besitz der deutschen Funke-Gruppe befand. Das Ziel benannte er deutlich: „Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen.“

„Das Spannende ist, es ist die mächtigste Zeitung Europas zur Bevölkerungszahl. Man hat ein Machtvolumen, das gigantisch ist“, erklärt Strache der Investorin die österreichischen Verhältnisse. Ein Machtvolumen, das auch Strache nützen will. Vor allem, wenn der Deal schnell über die Bühne geht. „Wenn DAS Medium zwei, drei Wochen vor der Wahl, wenn dieses Medium auf einmal uns pusht, dann hast du Recht. Dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34 Prozent. Und das ist genau der Punkt.“ Gudenus fasst zusammen: „Die Kronen Zeitung wär für uns alle gut, für sie geschäftlich, für uns politisch.“

Die Übernahme der Kronen Zeitung war offenbar ein Anlass des Zusammenkommens in Ibiza. In den aufgezeichneten Gesprächen erzählt Gudenus von einem früheren Treffen mit der vermeintlichen Oligarchennichte, in dem die beiden über Investments in Österreich diskutiert hätten und rasch auf die Kronen Zeitung zu sprechen gekommen seien. 2017 gehörte die Boulevardzeitung je zur Hälfte der Familie Dichand und der deutschen Funke-Gruppe.

Die Kronen Zeitung war in den 60 Jahren ihres Bestehens immer wieder Schauplatz erbitterter Auseinandersetzungen zwischen Gesellschaftern. Wenige Jahre, nachdem Hans Dichand 1959 die Rechte am Titel „Kronen Zeitung“ erworben hatte, kam es zu Rechtsstreitigkeiten. Der Österreichische Gewerkschaftsbund stellte wegen eines unter fragwürdigen Umständen gewährten Darlehens an Dichand Besitzansprüche, scheiterte jedoch vor Gericht. In den 1980er-Jahren folgte der Bruch zwischen den langjährigen Krone-Partnern Hans Dichand und Kurt Falk.

Der Hälfteanteil von Kurt Falk ging an die deutsche WAZ, die heute Funke-Gruppe heißt. Dichand und das deutsche Medienhaus setzten umfangreiche Gesellschafterverträge auf, Dichand erhielt eine Gewinngarantie. Ungeachtet des wirtschaftlichen Erfolgs erhält die Familie Dichand bis heute jedes Jahr eine hohe siebenstellige Summe vorab. In den Videos aus Ibiza behauptet der Lockvogel, Anteile der Dichands übernehmen zu können.

Zum Zeitpunkt des Treffens in Ibiza war das Verhältnis zwischen den Erben des 2010 verstorbenen Hans Dichand und der deutschen Funke-Gruppe längst zerrüttet. Immer wieder beschäftigten beide Parteien Schiedsgerichte, um Rechtsfragen zu klären. Immer wieder stand ein Verkauf von Funke-Anteilen zur Debatte. „Beim Funke-Anteil habe ich gesagt, dass Freunde von uns daran arbeiten“, erzählt Gudenus von dem früheren Treffen. Strache ist überzeugt, beim Kauf der Funke-Hälfte vermitteln zu können. Und zwar über den Wiener Investmentbanker Heinrich Pecina, den der FPÖ-Parteichef einen „wirklich großen Unterstützer“ der Freiheitlichen nennt.

Die Erfahrung hätte Pecina jedenfalls. In den vergangenen Jahren hat der Geschäftsmann viele ungarische Medienunternehmen gekauft, angeblich im Auftrag der ungarischen Regierungsspitze. Manche der betroffenen Medien wurden danach auf Orbáns Parteilinie gebracht, andere eingestellt. „Pecina ist ein Investor, der hat dem Orbán alle ungarischen Medien der letzten 15 Jahre aufgekauft und für ihn aufbereitet“, sagt Strache. Und: „Der hat bei der Funke-Gruppe die Kontrolle drauf.“

Was er damit genau meint, bleibt unklar. Pecinas Investmenthaus Vienna Capital Partners hält keine Anteile an der Funke-Gruppe. In einer Stellungnahme lässt Heinrich Pecina ausrichten, dass aus der jahrelangen Geschäftsbeziehung zwischen ihm und den deutschen Krone-Eigentümern „keine Einflussmöglichkeit auf diese Unternehmen abzuleiten“ sei. Er habe sich der FPÖ nicht als Vermittler für Funke-Anteile angeboten und auch mit dem späterem Verkauf nichts zu tun gehabt.

Im vergangenen November verkaufte die Funke-Gruppe dann tatsächlich Anteile. Der Tiroler Milliardär René Benko hat damals 49 Prozent der österreichischen Sparte übernommen. Auch sein Name fiel schon an dem Abend in Ibiza: „Und der Nächste, der auf alle Fälle kommt, ist der Benko, der will nämlich sowieso die Krone haben“, prophezeite Strache.

Die Freiheitlichen wollten nach einem geglückten Coup Einfluss auf die Redaktion nehmen: „Sobald sie die Kronen Zeitung übernimmt, sobald das der Fall ist, müssen wir ganz offen reden, da müssen wir uns zusammenhocken. Da gibt es bei uns in der Krone: Zack, zack, zack. Drei, vier Leute, die müssen wir pushen. Drei, vier Leute, die müssen abserviert werden. Und wir holen gleich mal fünf neue herein, die wir aufbauen“, sagt Strache in dem Video.

Mit Widerstand aus der Redaktion rechnet Strache nicht. „Journalisten sind ja sowieso die größten Huren auf dem Planeten. Sobald sie wissen, wohin die Reise läuft, funktionieren sie so oder so. Man muss es ihnen ja nur kommunizieren.“

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