Was wir wissen, was wir nicht wissen

Ein Treffen auf Ibiza, der FPÖ-Chef und ein verfängliches Angebot. Fragen und Antworten zu den Strache-Videos


Faq: Lukas Matzinger

Politik, FALTER 21/19 vom 22.05.2019


Foto: SZ, Spiegel

Der Falter veröffentlichte Videomaterial, das der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel übergeben wurde und das vor der Veröffentlichung vom Falter eingesehen werden konnte. Die Aufnahmen zeigen ein Treffen in einer Villa auf Ibiza, das offenbar im Juli 2017 stattgefunden hat.

Wer ist auf den Videos zu sehen?

Der jetzige Vizekanzler und damalige Oppositionspolitiker Heinz-Christian Strache, der jetzige FPÖ-Klubobmann und damalige Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus, dessen Ehefrau, ein weiterer Mann, der Deutsch spricht, und eine Frau, die auf dem Video vor allem Russisch und Englisch spricht.

Worum geht es bei dem Treffen?

Die Frau behauptet, eine reiche Russin zu sein und Geld fragwürdiger Herkunft in Österreich investieren zu wollen. Sie und ihr männlicher Begleiter stellen in Aussicht, 50 Prozent der Kronen Zeitung kaufen zu können, um diese auf FPÖ-Linie zu bringen. Dafür erwarten sie von Strache und Gudenus eine Gegenleistung.

Wie reagieren Strache und Gudenus auf das Angebot?
Die beiden Politiker brechen das Gespräch nicht ab, sondern diskutieren mit der vermeintlich reichen Russin und ihrem Begleiter sieben Stunden lang verschiedene Optionen. Strache betont wiederholt, dass er nichts Illegales tun werde, stellt aber doch an verschiedenen Stellen Gegenleistungen in Aussicht. Zu einer konkreten Absprache kommt es nicht, die FPÖ-Seite verspricht ein Entgegenkommen.

Welche möglichen Gegenleistungen werden besprochen?
Mehrmals erklärt Strache, dass der Baukonzern Strabag im Falle einer FPÖ-Regierungsbeteiligung keine Staatsaufträge mehr bekommen werde. Stattdessen soll der Zuschlag an noch nicht gegründete Firmen der vorgeblichen Russin gehen – mit Überpreis, also zu überhöhten Preisen.
Strache erwähnt außerdem die Möglichkeit der Parteispenden an einen gemeinnützigen Verein. So müsse der Spender nicht an den Rechnungshof gemeldet werden. Es gebe da bereits ein „paar sehr Vermögende“, die zwischen einer halben und zwei Millionen Euro zahlen wollten, sagt Strache.
Außerdem stellt Strache in Aussicht, ein Geschäft mit Österreichs Wasservorkommen einzufädeln. Daran könnten neben dem Staat auch Private wie die vorgebliche Russin verdienen. Über die Renditen müsse man noch reden.

Wie haben Strache und Gudenus auf die Recherchen reagiert?
Der Falter, die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel haben Heinz-Christian Strache, Johann Gudenus und die FPÖ kontaktiert und ihnen die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben. Sie erklärten in einer weitgehend gleichlautenden Antwort, dass das Gespräch „in lockerer, ungezwungener und feuchtfröhlicher Urlaubsatmosphäre“ stattgefunden habe. Beide hätten „mehrmals“ auf die „relevanten gesetzlichen Bestimmungen und die Notwendigkeit der Einhaltung der österreichischen Rechtsordnung“ hingewiesen.

Im April dieses Jahres hat der Satiriker Jan Böhmermann in seinem Video-Dankesrede für die Verleihung des österreichischen Fernsehpreises „Romy“ gescherzt, er hänge „gerade ziemlich zugekokst und Red-Bull-betankt mit ein paar FPÖ-Geschäftsfreunden in einer russischen Oligarchenvilla auf Ibiza“ rum und verhandle über die Übernahme der Kronen Zeitung. Wusste Böhmermann damals schon von den Aufnahmen?
Zu diesem Zeitpunkt war die Existenz des Videos offenbar schon einer Reihe von Personen bekannt, die davon nicht vom Spiegel, von der Süddeutschen Zeitung oder vom Falter erfahren haben. Zu diesem Personenkreis gehört wohl auch Jan Böhmermann.

Woher kommen die Daten?
Die Unterlagen wurden der Süddeutschen Zeitung und etwas später dem Spiegel zugespielt. Die beiden Medienhäuser haben sich daraufhin zu einer Kooperation entschieden. Der Falter konnte vor der Veröffentlichung Einsicht nehmen und in die Recherchen einsteigen. Von der Existenz des belastenden Videos weiß der Falter seit dem vergangenen Jahr. Aus Gründen des Quellenschutzes macht kein beteiligtes Medium Angaben über die Herkunft der Videos.

Wurde die Echtheit der Aufnahmen überprüft?
Die Süddeutsche Zeitung hat die entscheidenden Passagen von einem zertifizierten Sachverständigen für Foto-Forensik, Foto-Anthropologie und digitale Forensik prüfen lassen. Laut seiner Analyse handelt es sich bei den Personen auf den Videos eindeutig um Strache und Gudenus. Hinweise auf eine Manipulation der Aufnahmen fand der Sachverständige nicht. Es handle sich „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um authentisches Material“. Teile der Unterhaltung, die auf Russisch geführt wurden, hat eine beeidigte Dolmetscherin ins Deutsche übersetzt. Die Zeitstempel der verschiedenen Videos weichen ab. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist, dass die Datumsanzeige auf einigen Aufnahmegeräten nicht korrekt eingestellt war.

Haben die beteiligten Medien für die Informationen gezahlt?
Nein. Es floss weder Geld noch gab es andere geldwerte oder sonstige Gegenleistungen.

Was war die Motivation der Personen, die die Aufnahmen gemacht haben?
Dazu hat der Falter keine gesicherten Erkenntnisse.

Wie ging es nach dem Treffen auf Ibiza weiter?
Darüber liegen dem Falter keine gesicherten Erkenntnisse vor. Es gibt Hinweise darauf, dass zumindest Johann Gudenus weiter in Kontakt mit dem Lager der angeblichen Russin blieb. Er selbst bestreitet weiteren Kontakt mit ihr. Die Kronen Zeitung gehört weiterhin zur Hälfte der Gründer-Familie Dichand, ein Teil der anderen Hälfte ging im Herbst 2018 an die Signa-Gruppe des Tiroler Unternehmers René Benko. Dabei habe sich um eine „rein unternehmerische Entscheidung“ gehandelt, ließ Benko die deutschen Partnermedien über einen Anwalt wissen.

Wird der Falter die Aufnahmen den Behörden zur Verfügung stellen?

Nein.

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