Zwischen Speck und Platte

Die Suburbia Bratislavas reicht bis nach Österreich. Der starke slowakische Zuzug belebt die österreichischen Dörfer. Und bringt sie an ihre Grenzen


Reportage: Eva Konzett

Landleben, FALTER 22/19 vom 29.05.2019


Foto: Eva Konzett

Dort, wo der junge Mann starb, wächst struppiges Gras aus dem aufgebrochenen Asphalt, brettern jetzt Fahrzeuge auf der zweispurigen Bahn achtlos vorbei. Kein Holzkreuz. Kein Gedenkstein. Nirgendwo. Nur ein Casino steht nebenan, dessen Verputz längst abblättert, dessen Eingang niemand mehr benutzt. Gerhard Schödinger schaltet das Radio leiser und bremst seinen Opel herunter, er blickt durch das Fenster auf das ehemalige Grenzareal, das jetzt einem Niemandsland gleicht, zeigt nach rechts und sagt: „Da drüben ist er gelegen.“ Er, der Ostdeutsche, war mit seinem Pkw gegen den Schlagbaum geknallt. Helfen konnte man ihm dann nicht mehr. Am niederösterreichischen Grenzübergang Berg-Bratislava, zwischen Österreich und der damaligen sozialistischen Tschechoslowakei, beugte sich der damalige Zöllner Schödinger an einem Apriltag 1989 über das letzte Todesopfer des Eisernen Vorhangs in Österreich.

Jetzt, 30 Jahre später, lenkt der großgewachsene Mann mit dem schon weißen Haar seinen Pkw zurück in Richtung des Dorfes Wolfsthal, rund einen Kilometer von der einstigen Grenzanlage entfernt. Der 57-Jährige, seit der Jugend ÖVP-Mitglied, kennt jeden im Ort. Er ist hier der „Herr Bürgermeister“. Zu den Alteingesessenen sagt Schödinger „Grüß Gott“. Die anderen begrüßt er mit „Dobrý deň!“. Mehr als ein Drittel der Wolfsthaler stammt heute aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava, die immer an der Grenze klebte, jahrzehntelang aber durch den Eisernen Vorhang von Österreich getrennt war. Man kann die Bratislaver Burg und die Plattenbausiedlungen in Devínska Nová Ves und Petržalka von Wolfsthal aus mit freiem Auge sehen.

Wolfsthal, das heißt niedrige Häuser, schmale Straßen, viel Ackerland und noch mehr Windräder. Am Dorfeingang lädt ein Erdbeerfeld zum Selberpflücken ein. Der Wolfsthaler Bahnhof ist so bescheiden, dass er keine überdachten, ja überhaupt keine Bahnsteige hat. Doch diese Geschichte handelt nicht vom abgehängten Hinterland, von Bauerndörfern, die im dritten Jahrtausend nicht mehr Schritt halten können. Diese Geschichte erzählt von Europa und einer Europäischen Union, die in den Alltag der Menschen hereingebrochen ist. Vom Zusammenwachsen, von dem die einen sagen, dass es sie gerettet hat, und vor dem die anderen sich fürchten. Dem aber niemand auskommt.

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