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Feminismus im Netz und die Macht der Zärtlichkeit

KB, ANDREAS KREMLA
Feuilleton, FALTER 23/19 vom 05.06.2019

Was bedeutet Feminismus? Diese Debatte wird heute vor allem in sozialen Netzwerken ausgetragen. Etablierte intellektuelle Diskurse treffen auf einen Netzfeminismus, der eher über Bilder agiert. Durch das Zusammenkommen unterschiedlicher Geschlechterkonzepte und Gesellschaftstheorien sind diese Netzaktionen anfällig für Widersprüche und Kontroversen, meint Annekathrin Kohout -und versucht erst gar nicht zu definieren, was Netzfeminismus ist. Sie begnügt sich mit der Darstellung seiner Strategien. Der Netzfeminismus zeige sich weniger abhängig vom männlichen Blick, lautet ihr Fazit, und aufgrund von Filtern habe sich insgesamt eine "weibliche Ästhetik" durchgesetzt. Kohout wirft Fragen auf wie: Kann man mit visuellen Mitteln politisch agieren? Können Instagram-Fotos Kunst und rosa Mädchenwelten emanzipatorisch sein? Eine notgedrungen unvollständige, aber anregende Sichtung eines jungen Phänomens. KB

Die Idee der Zärtlichkeit als Heilmittel gegen Härte und Starrheit stammt von Papst Franziskus. Isabella Guanzini untermauert sie mit Gedanken von Plato über Nietzsche bis Adorno und mit Fallbeispielen kollektiver Fürsorge etwa aus der Flüchtlingskrise. Der Großstadtmensch ist Teil einer "Erregungsgemeinschaft" mit unruhigem sozialem Zusammenhalt geworden, lautet ihre These zum "animal laborans", dem Menschen als Arbeitstier, das sich ohne Not selbst ausbeutet. Als Therapie empfiehlt auch Guanzini Zärtlichkeit, im individuellen und im kollektiven Sinn. Willkommen auf zwei schmalen Graten: jenem zwischen Glauben und Denken und jenem zwischen Berührung und Rührseligkeit. Guanzini hält die Balance. Wer keine Berührungsängste mit großen Gefühlen oder starken Kirchenmännern hat, bekommt hier angewandte Philosophie gegen globalisierte Erschöpfung. ANDREAS KREMLA

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FALTER 29/19
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