Neue Bücher

Weltuntergang und Menschenfabrik

Feuilleton, FALTER 24/19 vom 12.06.2019

Der freakige Literaturwissenschaftler

Erich forscht zu Weltuntergangsszenarien und wird für einen Lehrauftrag nach England berufen. Das ist der Rahmen von Erwin Uhrmanns Roman. Die Handlung spielt jedoch überwiegend in dem österreichischen Kaff Irrlitz, wo die Welt des grüblerischen Erich durch die Bekanntschaft mit Daniela aus den Fugen gerät. Auf Spaziergängen durch den örtlichen Saurierpark, eine dem Untergang geweihte Attraktion, beklagen die beiden Sonderlinge das Verschwinden des Hundes Toko. So heißt auch der Parkbesitzer, ein seit Jahren verschollener Aussteiger.

Uhrmann gelingt eine literarisch vielfältige, rätselhafte wie feinsinnige Erzählung, die auch ins Paris des Jahres 1968 führt: Plötzlich taucht Sartre auf! Ein Manko hat der Text: Erichs Existentialismus wird durch eine allzu formelhafte Sprache, gespickt mit sehr gewöhnlichen Redewendungen, verschleiert. SEBASTIAN GILLI

"Tun ihre Menschen denken?", fragt der Ich-Erzähler, der auf seiner Wanderung durchs östliche Mitteldeutschland kurz vor Mitternacht auf ein riesiges, schwarzes Gebäude stößt, das dessen Pförtner trocken als "Menschenfabrik" ausweist, ebendiesen. "Nein!", ruft der "nicht ohne den Ausdruck freudiger Erregung" aus.

In seiner 1890 erschienenen Erzählung "Die Menschenfabrik" gewährt der aufsässige und dem wilhelminischen Deutschland auch satirisch heimleuchtende Oskar Panizza (1853-1921) seinem Protagonisten eine Führung durch den Menschenfabriksdirektor persönlich. Der fast ausschließlich aus Dialogen bestehende Text, in dem der Erzähler zwischen Faszination und Entsetzen hin-und hergerissen wird, wirkt angesichts der gegenwärtigen Diskurse über Künstliche Intelligenz unglaublich aktuell. Einzige Schwäche: die "realistische" Schlusspointe. Einfach drüber hinweglesen!

KLAUS NÜCHTERN

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

FALTER 30/19
Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Feuilleton-Artikel finden Sie in unserem Archiv.

Anzeige

Anzeige