Ab ins Tipi!

Wenn reden nichts mehr hilft, kommen Burschen in Gert Schweigers Outdoor-Camp


GERLINDE PöLSLER
STEIERMARK, STADTLEBEN | aus FALTER 43/08 vom 21.10.2008

Eines hat Passi am Anfang überhaupt nicht in den Kopf gekriegt. “Wieso schlägst du nicht mal wen zusammen?”, fragte er seinen Betreuer Gert Schweiger. “Du bist ja so kräftig!” Schweiger ist mehr als 1,90 Meter groß, bärtig und muskulös, das beeindruckt gerade die Jungs, die bei ihm landen. Der elternlose Pascal K. wurde zu Schweigers “intensiv-individualpädagogischer Maßnahme” gebracht, weil seine Betreuer in der Wohngemeinschaft des SOS-Kinderdorfs ratlos waren. “Passi konnte nichts mit sich und seiner Zeit anfangen”, erzählt sein WG-Bezugsbetreuer Gervin Grinschgl-Royer. Seine erste Lehrstelle ließ der jetzt 17-Jährige sausen, obwohl sein Chef ihn sogar dann noch behalten hatte, als er vier Mal Geld aus der Kassa geklaut hatte. Die zweite verspielte er, indem er am ersten Arbeitstag lieber in den Stadtpark ging – wo ihm die Chefin auch noch über den Weg lief. Seitdem ist er die meiste Zeit im Park herumgehängt, hat getrunken und sich zeitweise jeden Tag zugekifft, sagte Grinschgl-Royer: “Ich bin froh, dass er niemanden getroffen hat, der zu härteren Drogen gegriffen hat – er wäre eingestiegen.” Ab und zu geriet der grundsätzlich eher ruhige Passi in Schlägereien.

Steigende Jugendkriminalität, hoher Alkohol- und Drogenkonsum und Orientierungslosigkeit unter Jugendlichen – damit sind die Zeitungen seit ein, zwei Jahren voll. Parallel dazu entstanden vor allem in den USA und zuletzt in Deutschland “Jugendcamps”, von denen manche durch ein hohes Maß an Drill von sich reden machen. Nun hält der ausgebildete Landwirt, Sozialarbeiter und Pädagoge Schweiger mit seinem Projekt Outlet auch in Faßlberg bei Graz einen Auffangort für junge Burschen bereit, die mehr oder weniger heftig ins Schlingern geraten sind. Von ein paar Tagen bis zu ein paar Monaten dauern die Auszeiten. Mit Drill haben sie aber gar nichts zu tun.

Auf dem Weg dorthin heißt es von Landstraßen auf noch schmalere Landstraßen abbiegen und schließlich das Auto bei einem Bauernhaus stehen lassen. Weiter geht es über Felder in Richtung Wald, zwischen den Bäumen ragt ein Tipi-Zelt hervor. Ein paar Büsche noch, und da ist das Outlet: ein Gemüsegärtchen. Apfelbäume, Kastanien, eine Feuerstelle. Passi steht an der Outdoor-Abwasch und spült das Geschirr. Das Wasser dafür hat er selber vorher aufgeheizt, Strom gibt die Photovoltaikanlage nämlich nur für das Notwendigste her. Den Abwasch macht Passi ohne Diskussion.

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